Gibt es eigentlich mehrere „Medizinen“? Alternativ, komplementär – pseudo…

bunt

So schön bunt hier… scheinbare Vielfalt.


Eine Positionierung aus Anlass der Debatte um Heilpraktiker, Homöopathen, Alternatives und Komplementäres

In den Beiträgen und vor allem den Debatten in Foren und sozialen Netzwerken ist es von Seiten der Apologeten der sogenannten alternativen oder Komplementärmedizin immer das Gleiche. Die Grundtaktik ist Zerreden, dazu kommt Relativieren, dann kommt der nicht wahrgenommene Unterschied zwischen Meinung und Fakten dazu und letzten Endes ist der geneigte, kritisch und sachlich orientierte Leser verwirrt bis düpiert, auch angesichts der letztlich immer unklarer werdenden eigentlichen Position der Diskutanten. Das alles ist dann noch mit gelegentlichen ad-hominem-Seitenhieben gewürzt.

Deshalb erlaube ich mir hier mal, eine klare Position zu vertreten.

Diagnostische und therapeutische Mittel und Methoden gehören in die Hände wissenschaftlich ausgebildeter und der evidenzbasierten Medizin verpflichteter Menschen. Dies ist eine natürliche und zwingende Folge des Umstandes, dass es eine klare Grenze bei der Behandlung zum Wohle der Menschen gibt: Die verläuft zwischen den nachgewiesen wirksamen und den nicht wirksamen Methoden. Alles, was nachgewiesen wirkt, gehört, was es auch ist, in den wissenschaftlichen medizinischen Kontext, alles andere ist weder alternativ noch komplementär, es ist – nichts.

Es ist für mich vollkommen unverständlich, wie man einerseits ein langes wissenschaftliches Studium und jahrelange praktische Erfahrungen im klinischen Bereich vor die Möglichkeit setzt, als Arzt praktizieren zu dürfen, und andererseits allen Ernstes darüber diskutiert, welche „Befugnisse“ Leute haben sollen, deren Qualifikation auf einer Prüfung beruht, die sicherstellen soll, dass sie keine „Gefahr für die Volksgesundheit“ darstellen. Ach ja, und was die anderen „Säulen“ der Heilpraktiker“qualifikation“ angeht: Ich bin recht gut orientiert über die Angebote von Heilpraktikerschulen, die durchweg als Gelddruckmaschinen im Handelsregister eingetragen sein müssten und im günstigsten Fall stur auf die Amtsarztprüfung vorbereiten und im ungünstigsten von A bis Z Esoterik verbreiten. Und als die letzte, vielfach als wesentliche Säule fungiert dann mal wieder die persönliche Erfahrung, die ja in dem Sinne das Gegenteil von Evidenz ist wie gut gemeint das Gegenteil von gut gemacht.

Für mich hat das Heilpraktikerwesen keine Bedeutung und keine Berechtigung. Man möge auch nicht vergessen, dass das Heilpraktikergesetz von 1939 die Intention hatte, die damals ungehemmt wuchernde „Heilkunde durch jedermann“ einzudämmen und in einem weiteren gesetzgeberischen Schritt völlig zu untersagen. Der Fortbestand des Heilpraktikergesetzes ist allein den Kriegswirren zu verdanken, in denen die geplante Eingrenzung der Heilkundeausübung auf akademisch ausgebildete Mediziner auf der Strecke blieb. Das alte Gesetz klebt seitdem wie ein alter Kaugummi an der Sohle des bundesdeutschen Gesundheitswesens, wird aber durchweg als staatliche „Adelung“ des Heilpraktikerstandes empfunden – ein Beruf ist es ja nach der gängigen Definition nicht.

Was tun? Ich halte es da gerne mit Dr. Natalie Grams, die ich hier gern einmal zitiere:

„Es wäre gut, wenn in der Medizin gar keine Lücke entstünde, in der sich die Patienten auf die Suche nach „Alternativen“ machen müssen.“ In diese Richtung muss sich die Gesundheitspolitik bewegen.

Noch ein Wort zur Wissenschaftlichkeit. Deren Kritiker oder sagen wir mal diejenigen, die ihr misstrauisch gegenüberstehen, wissen in der Regel wenig bis nichts über wissenschaftliche Methodik. Damit wissen sie auch nicht, was Wissenschaft überhaupt ist und dass es nur eine Wissenschaft gibt und nicht mehrere. Das ist auch der Grund für meine oben ausgeführte Grenzziehung zwischen nachgewiesener und nicht nachgewiesener Wirksamkeit. Dabei kommt dem Wirkmechanismus zunächst keine Bedeutung zu. Insofern: Nicht, wer heilt hat recht, sondern derjenige, der zur Heilung nachgewiesen wirksame Methoden nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung einsetzt, hat Recht. Und das erfordert eine hohe, eine sehr hohe Qualifikation.
Was wäre die eigentliche Konsequenz hieraus?

Ich zitiere hier den Doyen der deutschen Rechtsmedizin, Otto Prokop, aus seinem Buch „Die Akupunktur“, die folgende Passage darf aber ohne Weiteres als allgemeingültig betrachtet werden:

Die ärztliche Sorgfalt besteht darin – wie es die ständige Rechtsprechung darstellt -, für einen Patienten stets das beste und zuverlässigste Medikament oder Verfahren anzuwenden.
In einer höchstrichterlichen und wiederholt zitierten Gerichtsentscheidung heißt es, „daß ein Arzt sich nicht aus Eigensinn oder Hochmut über gültige Regeln der medizinischen Wissenschaft hinwegsetzen kann“ – etwa indem er sich auf ein Verfahren des PARACELSUS oder ein aus der späteren Steinzeit stammendes Verfahren (Akupunktur) beruft oder verläßt, „ohne vom Fortschritt der Wissenschaft Kenntnis zu nehmen“.
Diese Deduktion hat nicht allein für Ärzte Gültigkeit, sondern gleichfalls für Heilpraktiker, da es bekanntlich kein Spezialstrafgesetzbuch für Heilpraktiker oder für Ärzte gibt.
Wenn aber darauf hingewiesen wird, für Ärzte gebe es einen höheren Grad der Voraussehbarkeit als für Heilpraktiker, also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus einer solchen Interpretation:
Daß es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne besondere Auflagen zuläßt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt.
Daraus folgt die Notwendigkeit, ein zweifelhaftes Verfahren, das u.a. an besondere anatomische Kenntnisse geknüpft ist (wenn überhaupt ein Verfahren aus der Steinzeit rechtlich approbiert wird), nur Ärzten zu überlassen, die es vielleicht in voller Kenntnis der Wirkungsmechanismen psychotherapeutisch einsetzen.

Mit anderen Worten: „Heilkunde“, ausgeübt durch „Heilpraktiker“, kann die so als selbstverständlich definierten Anforderungen an einen Heilkundeausübenden gar nicht erfüllen, denn einem nicht vollständig akademisch ausgebildeten Mediziner fehlt zwangsläufig die Befähigung, die für den Patienten beste und zuverlässigste Methode auszuwählen und anzuwenden. Aus einem einfachen Grunde: Weil er sie gar nicht kennen kann. Zur Heilpraktikerausbildung wird hier bald noch ein gesonderter Beitrag erscheinen.

Welche Rolle spielt nun vor diesem Hintergrund die Homöopathie, um dieses Teilthema noch aufzugreifen? Die Rolle einer vorwissenschaftlichen, nur unter medizinhistorischen Aspekten interessanten Pseudomethode, die von der ganz überwältigenden weltweiten Wissenschaftsgemeinde als solche eingestuft wird und deshalb aus dem Gesundheitswesen vieler Länder bereits verbannt worden ist. Das Besondere an der deutschen Ausprägung der Homöopathie ist nur die Stärke ihrer Lobby.

Soweit kurz gefasst meine Position.

 

 

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Bildnachweis:

1 – Eigenes Bild

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