Die Inkonsistenz der Homöopathie I

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Der unbewegte Monolith der Homöopathie unbeeindruckt vom Fluss der wissenschaftlichen Erkenntnis

Wer weiß, was ein Kanon ist? Nein, nicht wohlorganisierter Kindergesang. Ich meine den Kanon, der in der Wissenschaft die Summe anerkannter Erkenntnisse oder Regeln bedeutet, beispielsweise den Kanon der wissenschaftlich abgesicherten medizinischen Mittel und Methoden.

Der Kanon der wissenschaftlichen Medizin ist der jeweils gültige Bestand der gesicherten Erkenntnisse. Entsprechend der wissenschaftlichen Methode der Falsifikation ist der Kanon niemals feststehend, sondern steht ständig auf dem wissenschaftlichen Prüfstand. Methoden werden verbessert, Neues wird hinzugefügt, Widerlegtes verworfen und aus dem Kanon ausgeschieden. Der Kanon muss zudem in sich konsistent sein, womit gemeint ist, dass keine Widersprüche in ihm enthalten sein dürfen – solche sind Anlass zu weiterer Aufklärung. Man kann geradezu nicht mehr von einem „Kanon“ sprechen, wenn er sich widersprechende Erkenntnisse und Methoden enthält.

Merke: Der jeweilige Kanon wissenschaftlicher Mittel und Methoden, auch und gerade in der Medizin, ist eine Momentaufnahme, der den aktuellen Stand des wissenschaftlichen Prozesses wiedergibt. Er mag Lücken und Irrtümer enthalten, die aber nach der wissenschaftlichen Methode der Falsifikation, des Versuchs der Widerlegung und Verbesserung, der Aufklärung früher oder später anheimfallen. Falsifikation führt immer dann zu Fortschritt, wenn eine Beobachtung einer bisherigen Erkenntnis (Theorie) widerspricht oder sich widersprechende Annahmen aufgelöst werden. Sie garantiert ein offenes, selbstreferenzierendes System.

Ein Beispiel für dieses erkenntnisoffene System ist der Fall der lange zum Kanon gehörenden Hormontherapie für Frauen nach der Menopause. Angesichts vieler Behandlungserfolge bezogen auf die typischen Wechseljahresbeschwerden hatte sich diese Methode als Standard etabliert. Durch die kritisch-falsifizierende Forschung geriet diese scheinbar fest im Kanon verankerte Therapie ins Wanken.

Die Ergebnisse der britischen „One Million Study“, einer der weltweit größten Untersuchungen zur Hormonbehandlung für Frauen nach der Menopause, zwang zum Umdenken. Sie bestätigte eine deutliche Erhöhung des Brustkrebsrisikos durch eine solche Hormonbehandlung, und zwar umso mehr, je länger die Behandlung andauerte. Eine weitere Studie, die „Woman‘ s Health Initiative“, konnte nicht über die vorgesehene Zeit von acht Jahren durchgeführt werden – sie wurde wegen der überdeutlichen Zunahme von Brustkrebserkrankungen schon bei den Zwischenergebnissen abgebrochen.

Somit flog die generelle Empfehlung zu einer postmenopausalen Hormontherapie aus dem wissenschaftlich-medizinischen Kanon. Sie wurde zunächst durch eine im Anwendungsbereich und in der Anwendungsdauer stark beschränkte Empfehlung ersetzt. Derzeit hat die laufende Forschung detaillierte neue Ergebnisse erbracht, die in eine neue, sehr differenzierte Leitlinie münden werden.

So weit, so gut. Eine Form der Qualitätskontrolle, die das Vertrauen in die wissenschaftsbasierte Medizin eigentlich massiv stärken müsste.

Jetzt aber die Gretchenfrage:

Wie sieht es mit alledem bei der Homöopathie aus?

Nun, die Homöopathie verfügt auch über einen Kanon. Der heißt „Organon der Heilkunst“, stammt vom berühmten Samuel Hahnemann und ist inzwischen 200 Jahre alt, ohne dass ihn etwas von der wissenschaftlichen Methode des Falsifizierens, des Verwerfens von Unhaltbarem und des Einbaues neuer Erkenntnisse berührt hätte. Im Gegenteil, den sogenannten klassischen Homöopathen gilt er als sakrosankt, als Dogma – was sich durchaus damit verträgt, dass er ein Gedankengebäude, eine Erfindung (keine Entdeckung!), eine auf vorwissenschaftlichen Vorstellungen beruhende Konstruktion ist.

Hahnemann war der Begriff der Empirie, der Erfahrungswissenschaft, zwar nicht unbekannt – es fehlten ihm jedoch jegliche Mittel und Methoden, empirische Ergebnisse einordnen und bewerten zu können. Ein Beispiel dafür ist der vielzitierte Chinarindenversuch. Hahnemann war darauf angewiesen, seine Erkenntnisse -zum Beispiel, dass die Methoden seiner Ärztekollegen eher zum Ab- als zum Weiterleben der Patienten führten- in einem reinen Gedankengebäude zu verarbeiten. Teils griff er dabei auf Gedanken des Animismus -der Vorstellung einer allseits belebten und bedeutungsvollen Welt- zurück (daraus entstand das Simileprinzip), teils erfand er ihm schlüssig erscheinende Hypothesen wie die Potenzierung (die ursprünglich nur Giftstoffe unschädlich machen sollte, dann aber von Hahnemann zu einer tragenden Säule seiner Lehre ausgebaut wurde). Als Grundprinzip lehrte Hahnemann, dass jede Krankheit eine „Verstimmung der geistartigen Lebenskraft“ sei, die durch die Symptome sichtbar werde. Die Symptome wiederum seien der Anhalt dafür, mit hoch- und höchstverdünnten („potenzierten“) Mitteln, die ihrerseits eine „geistartige Kraft“ besäßen und vermitteln, diese „geistartige Lebenskraft“ des Kranken wieder zurechtzurücken.

Diese Annahmen konnten auch deshalb Platz greifen, weil damals noch keine Vorstellung von Ätiologie, also der Lehre von Krankheitsentstehung und -verläufen, bestand. Es sollte einsichtig sein, dass ohne Ätiologie jede medizinische Behandlung immer nur ein „Stochern im Nebel“ sein konnte.

Nun kommen die klassischen Homöopathen her und behaupten allen Ernstes die volle Gültigkeit dieses starren, von keinem zwischenzeitlichen Fortschritt der medizinischen Wissenschaft beeinflussten Kanons. Ungeachtet der Entdeckung der Krankheitsgenese auf Zellebene (Zellularpathologie), der Biochemie des Körpers, der Entdeckung von Viren und Bakterien, der Entwicklung diagnostischer Methoden, der Wandlung der Medizin von der Symptom- zur Ursachenbekämpfung, der modernen Pharmakologie  und vielem mehr. All dies, obwohl noch zu Hahnemanns Lebzeiten bahnbrechende Entdeckungen gemacht wurden und die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts allgemein als die Zeit des großen Durchbruchs der wissenschaftsbasierten Medizin gilt. Sie etablieren damit so etwas wie eine „zweite Medizin“.

Also bitte – das ist eine Beleidigung jeglicher normaler Intelligenz. Oder sind Sie, lieber Leser, in der Lage, diesen Befund schulterzuckend hinzunehmen? Na also.

Im Bestreben, zu retten, was zu retten ist, suchen die Homöopathen ihr Heil in scheinbaren „Weiterentwicklungen“ und -dies vor allem die großen Propagandaorganisationen wie die Carstens-Stiftung und der Deutsche Zentralverein Homöopathischer Ärzte- in dem Versuch, die Homöopathie in eine modern und neuzeitlich scheinende Aura von Scheinwissenschaftlichkeit zu hüllen. Von beiden untauglichen, teilweise grotesken Versuchen wird  mein nächster Blogbeitrag handeln.

Halten wir fest: Der Kanon der wissenschaftsbasierten Medizin ist in ständigem Fluss begriffen, seine ihm inhärente Methode der Selbstkritik sorgt für den Fortschritt der Erkenntnis. Der Kanon der Homöopathie ist ein zweihundert Jahre altes Buch, damals zwar nach bestem Vermögen geschrieben, dessen Grundaussagen von den Ergebnissen wissenschaftlicher Erkenntnis aber vollständig unberührt geblieben sind. Ein gut erhaltenes Fossil, aber ein Fossil.

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Interessant – aber Fossil.

 

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Bildnachweis:

1, 2: fotolia

 

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