Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass.

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Mir klingeln die Ohren. Wunderbar, dass die Debatte über die unsägliche Pseudomedizin in Deutschland endlich in Gang kommt. Wenn auch aus traurigem Anlass. Aber die Parolen, die so durch die Medien rauschen, rauben mir manchmal den letzten Nerv.

Deshalb hier ein kleines Vademecum der mich am meisten ärgernden „Argumente“ und Schlagworte mit meiner unmaßgeblichen Meinung dazu. Unter Heilpraktiker fasse ich summarisch die Anwender von Methoden außerhalb der wissenschaftsbasierten Medizin, also auch Homöopathen (selbst wenn sie Ärzte sind).

 

Politik: Die Prüfung für Heilpraktiker muss verschärft werden.

Nein. Es gibt überhaupt keine Kriterien, nach denen diese Prüfung verschärft werden könnte. Die Kriterien gibt es deshalb nicht, weil es keine festgelegten Ausbildungsinhalte und -gänge gibt. Aus diesem Grund ist Heilpraktiker auch kein Beruf. Die bisherige Prüfung ist genau aus diesem Grund keine mit einem Examen vergleichbare Prüfung, sondern lediglich ein Frage-Antwort-Spiel, das einen Eindruck davon verschaffen soll, ob der Proband womöglich doch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

 

Heilpraktikerverband: Die Prüfung muss keineswegs verschärft werden, denn sie ist jetzt schon waaahnsinnig schwer, das sieht man daran, dass 80 Prozent durchfallen.

Quatsch. Die Prüfung ist für jemanden, der ernsthaft auf kranke und hilfesuchende Menschen losgelassen werden soll, ein dummer Witz. Sie erhebt ja nicht einmal den Anspruch, Heilwissen abzufragen und kann zudem beliebig oft wiederholt werden. Jede Prüfung hat zwei Seiten – die Prüfungsaufgaben und die Prüflinge. Ich spare mir mal, deutlich auszusprechen, auf welcher Seite ich die Unzulänglichkeiten verorte, auf denen die berühmten 80 Prozent beruhen.

 

Politik: Die Heilpraktikerausbildung muss reformiert werden.

Wie denn? Wo denn? Was denn? Es gibt keine Ausbildung, weil es keine Inhalte gibt. Kein Prüfling ist verpflichtet, vorher eine „Heilpraktikerschule“ besucht zu haben.  Eine halbe Stunde Google zeigt, dass durch die Bank die „Heilpraktikerschulen“ neben dem Einbimsen von Prüfungsbögen völlig uneinheitliche, vielfach ins eindeutig esoterische abgleitende Inhalte anbieten, die dann hinterher den Gemischtwarenladen der Heilpraktikerszene beherrschen. Evidenzbasiertes? Fehlanzeige. Mal abgesehen von Phytotherapie und Reizbehandlungen wie Kneippsche Anwendungen (die Phytotherapie als teilweise hochwirksame Arzneimitteltherapie gehört auch allein in ärztliche Hände!) Im schlimmsten Falle kommen noch selbstgebastelte Eigenkreationen an „Therapien“ dazu. Nichts kann man nicht reformieren.

 

Heilpraktiker, Homöopathen und Politik (teilweise): Die Praktizierung alternativer und komplementärer Methoden wird von der Bevölkerung gewünscht und gibt vielen Trost und Hilfe!

„Wünsch Dir was“ ist im Deutschen Fernsehen schon 1992 eingestellt worden. Seit wann kommt es bei der Anwendung von Mitteln und Methoden, zumal im Gesundheitswesen, darauf an, was sich der Patient „wünscht“? Soll „Wohlfühlmedizin“ ernstlich den Vorrang vor Wirksamkeit bekommen?

 

Heilpraktikerverband: Die Heilpraktiker in Deutschland sind ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung!

Sie sind höchstens der entzündete Wurmfortsatz an der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Würden sie sich auf kleinere Befindlichkeitsstörungen beschränken und durch sinnvolle Gespräche den Patienten stabilisieren, gleichzeitig ein scharfes Auge auf die Notwendigkeit einer evidenzbasierten Behandlung beim Arzt haben, ginge das ja noch alles an. Ist aber nicht so. Die Leute maßen sich an, ernsteste Organerkrankungen mit großenteils nachgewiesen unwirksamen Mitteln zu behandeln und sind keineswegs so bescheiden, sich auf eine Beratung der Hilfesuchernden zu beschränken. Eine Folge der seit 1939, dem Jahr des Inkrafttretens des Heilpraktikergesetzes, völlig ungeregelten Wildwuchses auf diesem Sektor. Wie konnte man das zulassen?

 

Heilpraktiker und Lobbyisten der Szene: Die Schulmedizin….

Fällt dieses diskriminierende Unwort, höre ich gar nicht mehr weiter hin. Die Heilpraktikerszene diffamiert ständig die wissenschaftsbasierte Medizin als „Schulmedizin“. Was für eine Arroganz! Die Szene tut so, als gebe es eine „zweite Medizin“ neben der vielgeschmähten „Schulmedizin“. Gibt es eine zweite Physik, eine zweite Chemie, eine zweite Biologie? Früher mag es angegangen sein, im mehr oder weniger spekulativen Raum Prozeduren und Therapieformen zu entwickeln und anzuwenden, als es noch keine wissenschaftlichen Prüfmethoden und keine tieferen Einblicke in Ätiologie und Pathologie gab. Da war die Medizin, wenn überhaupt, eine reine Erfahrungswissenschaft. Ein Beispiel dafür ist die Homöopathie.
Heute ist die Medizin zwar auch Erfahrungswissenschaft, aber viel, viel mehr reine Naturwissenschaft als noch vor 90, 100 oder mehr Jahren. Sie ist in der Lage, ihre Erfahrungen zu testen und zu verifizieren. Sie entwickelt sich ständig durch schrittweise Verbesserung.
Und da redet die Schwurbelszene von Schulmedizin? Was ist denn dann die Tätigkeit der Heilpraktiker, die für einen Multiple-Choice-Test büffeln, stur ein paar Bögen ausfüllen und dann in ihre private Welt entlassen werden, ohne auch nur im Geringsten zu so etwas wie Fortbildung verpflichtet zu sein? Also bitte.

 

Heilpraktiker: Äh, Grundrechte… Berufsfreiheit… und so .. 

Erstens ist -wie schon gesagt- der Heilpraktiker kein Beruf. Zweitens folgende Überlegung: Die akademische Profession des Rechtsanwaltes, der sich auf Studium, praktische Ausbildung und Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber dadurch, dass er per Rechtsberatungsgesetz Laien und Privatpersonen, selbst Menschen, die beispielsweise Wirtschaftsjura studiert haben, bei Strafe von der rechtlichen Beratung von Mandanten ausschließt. Der damit verfolgte Zweck ist -jedenfalls offiziell- die Interessen des Mandanten vor unzureichender Sachkunde im Zivilrecht wie im Strafverfahren zu schützen. Die akademische Profession des Arztes, der sich auf Studium, lange praktische Ausbildung und erworbenes Erfahrungswissen stützt, schützt der Gesetzgeber vergleichbar – überhaupt nicht. Und damit vor allem nicht den Patienten. Ist dem Gesetzgeber folglich das Vermögensinteresse eines Mandanten im Zivilprozess als Schutzgut wichtiger als die Gesundheit seiner Bürger? Bitte mal zu Ende denken!

Ein Zitat von Prof. Otto Prokop, Doyen der deutschen Gerichtsmedizin:
„Wenn … darauf hingewiesen wird, für Ärzte gebe es einen höheren Grad der Voraussehbarkeit als für Heilpraktiker (weil der erstere entsprechend ausgebildet und examiniert ist), also könne man letzteren nicht so schnell einen Schuldvorwurf machen wie etwa Ärzten, die den gleichen Fehler machen, so ergibt sich aus einer solchen Interpretation, dass es der Staat, der Personen zu solchen Praktiken ohne besondere Auflagen zulässt, mit der Gesundheit seiner Bürger nicht ernst nimmt.“

 

Die ganze Szene: Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde…

Klar. Näheres darüber wissen aber auch die Heilpraktiker nicht. Außerdem hat sich niemand die Mühe gemacht, mal nachzuschauen, in welchen Kontext Shakespeare diesen Ausspruch Hamlets zu Horatio gestellt hat. Es war schon zu Shakespeares Zeit anrüchig, einen Geist in der Handlung eines Stückes vorkommen zu lassen, da er aber den Geist von Hamlets Vater dramaturgisch brauchte, hat er Hamlet diesen Satz quasi entschuldigend gegenüber dessen deutlich rational gezeichneten Freund Horatio in den Mund gelegt.

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Ceterum censeo: Wir brauchen keine strengeren Prüfungen, wir brauchen keine „Reformen“ des Heilpraktikerwesens und seiner Ausbildung. Wir brauchen überhaupt keine Heilpraktiker, denn es gibt keine „alternative“ und keine „komplementäre“ – es gibt nur die wissenschaftsbasierte Medizin. Man könnte allenfalls darüber nachdenken, ihnen im Rahmen streng gefasster Befugnisse und nachgewiesener Fähigkeiten so etwas wie den Status von „Gesundheitsassistenten“ zuzuweisen, wenn man sich nicht dazu durchringen kann, im Interesse einer modernen und glaubwürdigen Gesundheitspolitik tabula rasa zu machen.

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Wird bei Bedarf und Anlass fortgesetzt.

 

 

 

 

 

 


19 Gedanken zu “Zum Kuckuck! Ein Aufschrei aus aktuellem Anlass.

  1. Und wen soll diese Tirade interessieren? „Keine Ahnung von gar nix“ – gut gewählter Name 🙂 Ausser den Mitgliedern Eures unsäglich „informativen“ Netzwerks Homöopathie (per se schon ein Fake, denn in einem Netzwerk sollten sich echte Experten vernetzen, nicht nur Demagogen und Trolle, von denen die meisten nicht einmal über einen wirklichen naturwissenschaftlichen Hintergrund verfügen), dürfte es hier recht mager werden mit der Beteiligung. Reine Zeitverschwendung, denn die Menschen da draussen sind GottSeiDank immer noch frei genug, sich selbst für oder gegen eine Behandlung welcher Art auch immer entscheiden zu dürfen und zu können. Bevormundung war gestern …

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar, der seinerseits in der Tat die gängige Definition einer Tirade erfüllt (enthält nichts Wichtiges, d.h. keine Fakten oder wenigstens diskussionsfähige Argumente, ist offensichtlich mit „Wut im Bauch“ geschrieben, geht an den Rand von Angriffen ad hominem und diffamiert insoweit, als sie mir Motive unterschiebt, die nachgerade lächerlich sind). In meinem Beitrag finde ich trotz intensiver Nachschau diese Kriterien nicht -er ist mit Bedacht faktenbasiert geschrieben, wenn er auch die literarische Form der polemischen Streitschrift nutzt.

      Hinweise auf unrichtige Fakten und Unzulänglichkeiten der Darstellung nehme ich gern entgegen. Unter diesem Aspekt kann ich aber leider mit Ihrer Zuschrift nichts anfangen. So frage ich mich zum Beispiel, auf welcher Grundlage Sie die Fachlichkeit der Mitglieder des Informationsnetzwerks Homöopathie beurteilen? Wobei wir uns über meinen Blogbeitrag unterhalten, nicht über das INH (zu dem beispielsweise einer der weltweit anerkanntesten Fachleute für „alternative“ Medizin gehört).

      Mein Blog ist persönlich und bietet Informationen rund um pseudomedizinische Verfahren. Es ist ein Angebot, um dessen Zugriffszahlen Sie sich wirklich keine Sorgen machen müssen. Tue ich selber auch nicht. Aber was mich doch bewegt hat:

      An welcher Stelle kündige ich an, in Deutschland eine Meinungsdiktatur errichten zu wollen, die den Menschen da draußen das Recht nimmt, in eigenen Angelegenheiten eigene Entscheidungen zu treffen? Auch nach intensiver Suche kann ich diese Stelle nicht finden. Nur ist das, was Sie ansprechen, nicht so einfach. Eine verantwortliche Entscheidung setzt Informiertheit voraus. An der fehlt es an allen Ecken und Enden. Einen kleinen Beitrag dazu, aufgrund von Informationen den Menschen da draußen eine verantwortliche (!) Entscheidung zu ermöglichen, möchte ich mit meinem Blog leisten.

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  2. Mir gefällt der Tellerrand-Blick zu den Rechtsanwälten. Da könnte man sich tatsächlich andere Regelungen vorstellen.
    Noch mehr gefallen mit zwei Sätze, die mir aber fast unterzugehen scheinen:
    „Sie ist in der Lage, ihre Erfahrungen zu testen und zu verifizieren. Sie entwickelt sich ständig durch schrittweise Verbesserung.“
    Die Schul-Medizin. Ok, über den Begriff an sich kann man auch reden, lasse ich jetzt aber weg.
    Es ist genau das, was sie tut. Die macht Fehler, lernt daraus und entwickelt sich weiter. Das ist gut, und geht auch gar nicht anders. Wäre schön, aber dann müssten wir von jetzt auf gleich alles wissen. Tun wir aber nicht. Ob Medizin oder Astronomie – Über die Jahrhunderte hat sich da die ein oder andere Erkenntnis leicht gewandelt. Und es sind Fehler gemacht worden. Haarsträubende Fehler sogar. Die man aber eben durch Verbesserung und Korrektur eingesteht. Mich beschleicht das Gefühl, das genau dieser Punkt – obwohl letztlich der größte Vorteil – Menschen dazu verführen kann anderweitigen Heilsversprechen ein Ohr zu schenken.
    Dies in Kombination mit dem tatsächlich deutlich Klientenfreundlicheren Setting in der Heilpraktiker- und Homöopathenwelt reicht zumindest mir um das „Phänomen“ zu verstehen.

    Mir war schon immer ein wenig so, aber es wird mir gerade noch ein Stück deutlicher. Danke für die „erleuchtende Anregung“.

    Am Ende gestatte ich mir noch den Kommentar, das mir das aktuell stattfindende „bashing“ nicht sonderlich gefällt. Viel schöner wäre, es, könnten die einen aus dem geschickten Verhalten der anderen einfach lernen. Letztlich sind auch das Erfahrungen und Verbesserungen. Die stecken aber leider in Gebührenordnungen fest.
    Der Laie fragt sich: Wieso gibt es an jeder Straßenecke einen Zahnarzt und bei einigen Fachärzten muss ich Monate auf einen Termin warten, der dann keine 10 Minuten dauert.
    Ja, ok … das war eine andere Diskussion.

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    1. Vielen Dank für diesen Betrag. Ich stimme Ihnen gern zu, ich berufe mich ja stets auf den Begriff der „einen Wissenschaft“ – eine der größten Errungenschaften der letzten hundert Jahre.
      Was das Bashing angeht, so mag das im Moment einseitig erscheinen. Der Grund dafür dürfte allerdings sein -so empfinde ich das ganz persönlich- dass die pseudomedizinische Szene inzwischen völlig überzogen hat in Anspruch und Auftreten. Die Folge war, dass erst seit etwa einem Jahr die bislang vereinzelten, damit recht wirkungslosen Stimmen der Rationalität sich gebündelt und seitdem kräftig Gehör gefunden haben. Sie werden in direkten Diskussionen mit den Homöopathie- und den Heilpraktikerlobbyisten feststellen, was dort für ein Kritiker-Bashing stattfindet. Die engere kritische Szene, zu denen ich mich selbst zähle, hat sich darauf verpflichtet, nicht ebenso demagogisch aufzutreten. Mein Blog enthält sicher einiges an Polemik und auch den einen oder anderen verbalen Seitenhieb, ich lege aber Wert auf die entsprechende Faktengrundlage. Insofern ist das, was sie als Bashing empfinden, einerseits eine Folge der zunehmenden Konsolidierung der skeptischen Szene und andererseits so etwas wie Notwehr gegenüber den teils unglaublichen Aktionen der anderen Seite. Siehe beispielsweise das unsägliche Papier der Gesellschaft für wissenschaftliche Homöopathie, mit dem die Lobby versuchte, ihren etwas missglückten Bremer Kongress noch ein wenig aufzupolieren (beim Informationsnetzwerk Homöopathie und -im Detail- auf dem Blog von Dr. Norbert Aust).

      Ich hoffe, Sie als Leser behalten zu dürfen!

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  3. Größtenteils Zustimmung. Man kann den inzwischen gewachsenen Beruf des Heilpraktikers aber nicht einfach wieder abschaffen. Schließlich ist der inzwischen Existenzgrundlage vieler. Darunter sind gelegentlich auch Mediziner, deren Medizinstudium in Deutschland nicht anerkannt wurde. Und es gibt einige Bereiche, die nicht nur Hokuspokus sind, so z. B. die pflanzliche und pilzliche Heilkunde. Würde man diese einfach den Medizinern zuschieben, so würden diese ebenfalls einen Mangel an Ausbildung vorweisen, denn welcher Mediziner lernt schon viel über Pflanzen und Pilze? Im übrigen ist auch unser (deutsches) Medizinstudium nicht sonderlich gut und wird daher in manch anderen Ländern nicht anerkannt. Zum anderen wäre das dann auch nicht das, was die Menschen wollen: Bei vielen ist der Hang zur Heilpraktik ja auch gerade durch Negativmeldungen über Ärzte geprägt. Natürlich wäre es besser, wenn man unser Gesundheitssystem mal ordentlich optimiert und z. B. eine Qualitätskontrolle für medizinische Leistungen einführt. Wenn ich vom Arzt komme, fühle ich mich auch nicht immer gut behandelt. Ein Mediziner ist wesentlich schneller mit Studium und Promotion fertig, als zum Beispiel ein Biologe. Das geht nur auf Kosten der Inhalte. Mediziner haben in den meisten Fällen ihre Promotion nicht wirklich verdient.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Der eigentliche Missstand bei den Heilpraktikern ist der, dass der Patient nicht davon ausgehen kann, dass der Heilpraktiker eine „standardisierte“ Ausbildung hat. Der Patient ist also auf sich gestellt und müsste sich selber über die Ausbildung des Heilpraktikers informieren. Wo hat er gelernt und ist die Schule seriös? Sinnvoll wäre also eine (staatliche) Prüfung mit den Mindestausbildungsinhalten, um den Beruf auf einen gewissen Niveau zu vereinheitlichen. Für zusätzliche Qualifikationen sollte es ebenfalls Möglichkeiten geben. Meinetwegen auch verschiedene Fachrichtungen, denn das würde wahrscheinlich Sinn machen. Man müsste also Strukturen schaffen, die eine bessere Qualität gewährleisten würden. Von mir aus soll es ruhig Heilpraktiker geben, die sich der Phytomedizin, der Behandlung mit Heilpilzen oder Chiropraktik etc. widmen.

    Ganz wichtig wäre aus meiner Sicht aber, dass man Begriffe wie „Alternativmedizin“ konsequent unterbindet. Weil es schlicht Unfug ist und meiner Meinung nach auch unlauterer Wettbewerb, sich auf derart auf eine Stufe mit Medizinern zu stellen. Es muss, im Gegenteil, ganz klar dargestellt werden, dass der Heilpraktiker nicht den Arzt ersetzt, sondern allenfalls ergänzen kann. Auch muss es jedem Patienten klar sein, dass nie jemand Studien zur Wirksamkeit von vielen Pflanzen (Pilzen, Tieren, Mineralien) gemacht hat. Auch sind eventuelle Spätfolgen durch eventuell toxische Bestandteile oft nicht bekannt. Fairerweise muss man dazu sagen, dass man unmöglich den gleichen Maßstab ansetzen kann, denn sofern niemand aus Kamillentee Kapseln presst und unter einem Markennamen zu Wucherpreisen verkauft, wird sich die teure Forschung nicht finanzieren lassen.

    Ob aber nun ein Arzt oder ein Heilpraktiker den Menschen nahelegt, abzunehmen, mit dem Rauchen aufzuhören und sich mehr zu bewegen, gesünder zu ernähren etc., ist eigentlich egal. Der Heilpraktiker könnte so eine Art „Lifestyle“-Berater sein, das ist ja durchaus nicht unwichtig. Und viele Menschen brauchen halt jemanden, den sie solche Dinge fragen können, auch wenn im Grunde jeder weiß, dass man sich viel bewegen und gesund ernähren sollte. Fakt ist ja nun mal auch, dass wir zwar theoretisch gesund leben könnten, es aber oft nicht tun.

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    1. Danke für diesen fundierten Kommentar! Zunächst einmal, ich verwende den Begriff „Alternaivmedizin“ nur als Zitat, ansonsten läuft das bei mir unter „Pseudomedizin“. Die Erklärung dazu enthält schon die Startseite meines Blogs.

      Dass der Heilpraktikerstand nicht von heute auf morgen „in die Tonne“ wandern kann, ist mir schon klar. Zu „reformieren“ gibt es da, wie ich ausgeführt habe, aber auch nichts. Wie ich am Schluss meines „Aufschreis“ als Randgedanke geschrieben habe: „Wir brauchen überhaupt keine Heilpraktiker, denn es gibt keine „alternative“ und keine „komplementäre“ – es gibt nur die wissenschaftsbasierte Medizin. Man könnte allenfalls darüber nachdenken, ihnen im Rahmen streng gefasster Befugnisse und nachgewiesener Fähigkeiten so etwas wie den Status von „Gesundheitsassistenten“ zuzuweisen“.

      Wichtig wäre aus meiner Sicht, dass der Begriff der „Heilkunde“ unterhalb der ärztlichen Schwelle nicht mehr verwendet wird. Es kann da nur um eine niederschwellige Betreuung und Beratung gehen, wobei ich mir durchaus vorstellen könnte, sogar eine fruchtbare Verbindung mit der Ärzteschaft zu etablieren. Wie viele Ärzte stöhnen über mangelnde Zeit für ihre wirklich bedeutsamen Fälle? Von meinem Hausarzt höre ich dazu ständig Klagen.
      Es käme darauf an, hier ein tragfähiges Modell zu entwickeln. Einfach ist das nicht, es wäre eine mittlere Revolution im Gesundheitswesen. Es würden auch jede Menge Selbstüberschätzer und Scharlatane reinsten Wassers dabei auf der Strecke bleiben. Menschen mit Auslandsstudium, gelerntes Krankenpflegepersonal und dergleichen, die jetzt schon als HP tätig sind, könnte ein solches Modell aber bestens integrieren.

      Wir brauchen aber erst einmal den politisch-gesellschaftlichen Willen zum Handeln. Um den kämpfen wir Skeptiker zur Zeit noch, dieser Kampf ist längst noch nicht gewonnen. Ein Teil dieses Kampfes soll mein Blog sein, als dessen aufmerksamen Leser ich Sie sehr gern weiter sehen würde.

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      1. Nun, man kann auch zu einer Wahrsagerin gehen, obwohl das völliger Humbug ist. Es soll schon Leute gegeben haben, die Wahrsagerinnen verklagten, weil das Vorhergesagte nicht eingetreten ist. Das Gericht urteilte: Selbst schuld. So gesehen, warum soll denn nicht jemand zum Heilpraktiker gehen können? Wenn er es denn unbedingt will und selbst bezahlt?

        Heilkunde im weiteren Sinne gab es schon lange vor der evidenzbasierten Medizin als Wissenschaft. Als Beispiel nenne ich mal die Pflanzenheilkunde Hildegard von Bingens. Viele heutige Medikamente stammen aus der Natur und sind oft chemisch verändert und als Pillenform im Handel. Beispiel Acetylsalicylsäure („Aspirin“), welches als Salicylsäure in Weidenrinde der Silberweide zu finden ist. Gegen eine Pflanzenheilkunde in Form von diversen Kräutertees bei einfachen Wehwehchen ist ja nichts einzuwenden.

        Aus meiner Sicht ist dagegen Folgendes völliger Humbug: Bachblütentherapie – als ob man nach der Farbe der Blüten gehen könne, was für ein hirnverbrannter Quatsch. Ebenso die Homöopathie. Im Grunde ist es ja einfach, da man die Wirksamkeit auch ohne Kenntnis des genauen Wirkmechanismus untersuchen kann (Doppelblindstudie und statistische Auswertung). Bislang konnte aber eben oft keine Wirksamkeit bewiesen werden. Aber solange dadurch kein Schaden angerichtet wird, soll es mir recht sein.

        Es wäre aber wirklich wichtig, dass man die Trennung von Medizin und sog. „alternativen“ Methoden endlich mal vollzieht. Es kann nicht angehen, dass Heilpraktiker sich anmaßen, eine „Alternative“ zu einer richtigen, medizinischen Behandlung darzustellen. Das ist Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ebenso falsch ist der Begriff „Schulmedizin“. Auch der dient dem gleichen Zweck, nämlich Hokuspokus und Kräutertees mit Medizin auf eine Stufe zu stellen. Ähnlich ist es auch, wenn von „der Pharmaindustrie“ die Rede ist.

        Wer aber für die Verordnung eines Kamillentees unbedingt jemanden konsultieren will, der soll doch ruhig zum Heilpraktiker gehen. Das entlastet das Gesundheitssystem, das darf man ja auch nicht vergessen.

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      2. Herzlichen Dank für den Kommentar, mit dem ich natürlich weitestgehend konform gehe. Was ein wenig zu kurz kommt: Der Unterschied zwischen der Wahrsagerin oder dem Kräuterweiblein besteht darin, dass die „Heilpraktiker“ sich mit dem Begriff des „Ausübenden der Heilkunde“ schmücken, betonen, dass sie ein „eigenes Gesetz“ haben und sich vor dem Hintergrund dieser scheinbaren offiziellen „Adelung“ als Alternative zum Arzt präsentieren können. Das Image der Heilpraktiker ist völlig festgefressen wie eine rostige Schraube, ungeachtet dessen, dass ihre Tätigkeit eine Art schwarzes Loch darstellt, über das selbst der Gesundheitspolitik keine Daten vorliegen. Nicht einmal die Zahl der praktizierenden HP in Deutschland ist bekannt, die letzten Angaben schwanken zwischen 32000 und 43000. Man weiß es nicht. Und das ist für sich schon ein Unding.

        Solange kein Schaden angerichtet wird – es wird Schaden angerichtet. Hauptsächlich durch die Verschleppung oder Verhinderung sachgerechter medizinischer Behandlungen. Messen Sie „Schaden“ nicht am Maßstab der schecklichen Fälle von Brüggen, das sind die Extreme. Otto Prokop, der Altmeister der deutschen Gerichtsmedizin, schätzt die Zahl derer, die einen wie auch immer gearteten Schaden durch „okkulte Heilmethoden“ erleiden, auf mehrere hunderttausend pro Jahr (schon in den 80er Jahren)!
        Es gibt viele Gründe, warum das nicht so bekannt ist. Kurz gesagt, gehört auch das zum „schwarzen Loch“. Vielleicht schreibe ich darüber auch noch einmal.

        Zum Schluss ein Tipp: Kamillentee ist magenreizend. Bei Magen-Darm-Beschwerden lieber ungesüßten dünnen schwarzen oder Pfefferminztee.

        Ich würde mich freuen, wenn Sie meinem Blog auch weiterhin folgen!

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