Homöopathie unter Ockhams Rasiermesser

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William Ockham, offensichtlich nach der Rasur. (Titelbild der „Logica“)

Ein wenig Wissenschaftstheorie – keine Angst!

Wissen Sie, lieber Leser, was man unter „Ockhams Rasiermesser“ versteht? Nein, liegt nicht im British Museum. Es ist ein auf William Ockham (1288–1347) einem Philosophen und Naturforscher der späten Scholastik, zurückgehender Begriff, der als einer der wenigen aus so früher Zeit auch heute noch wissenschaftstheoretisch Bedeutung hat. Ockhams Rasiermesser hat sich sehr darin bewährt, pseudowissenschaftliche Streu vom wissenschaftlich interessanten Weizen zu unterscheiden. Nun ja, mit ihrer Pflicht zur Tonsur war das Wissen über ordentliche Rasiermesser zweifellos auch schon in mittelalterlichen klerikalen Kreisen weit verbreitet.

Es wird auch das Prinzip der „Sparsamkeit statt Vielfalt“ genannt. Einer der zugrunde liegenden Gedanken ist, dass die Hinzunahme immer neuer Hypothesen und Variablen eine Theorie immer schwerer verifizierbar macht und diese im Endeffekt im Nebel der Nicht-Verifizierbarkeit entschwindet. Was diejenigen, die eine Behauptung aufstellen, in eine komfortable Situation bringt: Sie versuchen mit dem Hinweis, eine Widerlegung sei ja nicht gelungen, ihre eigene positive Beweispflicht umzukehren. Kommt das jemand bekannt vor?

Ockhams Prinzip kommt in zwei Sätzen zum Ausdruck:

  • Von mehreren möglichen Erklärungen für den gleichen  Sachverhalt ist die einfachste Theorie bis zum expliziten Beweis des Gegenteils allen anderen vorzuziehen.
  • Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt kausal-logisch folgt.

Achtung, Benutzerhinweis: Ockhams Rasiermesser ist kein Kriterium für die Richtigkeit einer Theorie oder Hypothese im Sinne heutiger Wissenschaftlichkeit. Sie ist aber ein sehr wirkungsvolles Instrument,  um auf den Schlüssigkeitsgehalt, die Konsistenz, einer solchen zurückzuschließen, eine der Methoden, um Bullshit von Diskutablem zu unterscheiden, und hat sich dabei außerordentlich bewährt. Die Wissenschaftsgemeinde betrachtet neue Theorien, die offensichtlich allzuviel Nebenannahmen und Variablen anführen, mit äußerstem Misstrauen. Zu Recht.

 

Bitte entspannt sitzenbleiben, wir schreiten zur Rasur!

Die Homöopathie erscheint auf den ersten Blick so schön „ganzheitlich“, so „einfach“, so geschlossen. Einem Test mit Ockhams Rasiermesser hält sie aber nicht stand. Warum?

Es liegt an den Variablen, der Subjektivität und Unverbindlichkeit der Arzneimittelprüfung und der darauf beruhenden Repertorien, der Verzeichnisse, die die Symptombilder und die angeblich dazu gehörenden homöopathischen Mittel enthalten. Sie sind die „undichte Stelle“ der Homöopathie, an der schon die früheste Kritik der Methode ansetzte, als man Hahnemanns Konzepte von der gestörten „geistartigen Lebenskraft“ noch für immerhin diskutabel hielt.

Hahnemann hatte sein schönes Gedankengebäude, vom Similieprinzip bis zur Potenzierung, dogmatisch, auf wenigen Hypothesen beruhend. Man hätte also annehmen können, dass es dem Prinzip der Einfachheit durchaus genügte. Was die Hypothesen betrifft. Aber das waren ja nur die Hypothesen, das noch leere Gefäß, dass mit den Variablen gefüllt werden musste, mit denen überhaupt erst eine Relevanz für die Praxis der „einzig wahren Heilkunst“ gegeben war.

Hahnemann und seine Jünger begannen dann damit, alle möglichen und unmöglichen Stoffe im Rahmen von Arzneimittelprüfungen am Gesunden zu „testen“. Schon dieser „Blindflug“ nach dem Motto „Masse statt Klasse“ bzw. „Irgendwas wird schon rauskommen“ fällt Ockhams Rasiermesser zum Opfer. Diese Vorgehensweise infiziert nämlich das schöne Gedankengebäude der Homöopathie mit dem Virus der Beliebigkeit, man könnte auch sagen, der Grenzenlosigkeit. Denn es geht ja erst einmal davon aus, dass unendliche viele Prüfstoffe mehr oder weniger unendlich viele Symptombilder ergeben können.

Ja, und das tun sie auch. Das kommt dann in den immer dicker werdenden Repertorien zum Ausdruck. Die werden nicht nur deshalb immer dicker, weil sich die Homöopathen nach wie vor mangels Kriterien auf jeden neuen Stoff stürzen, dessen sie habhaft werden können (Plutonium, Berliner Mauer, Weltraum-Vakuum), sondern auch daher, dass die Symptombeschreibungen bei den Arzneimittelprüfungen völlig unspezifisch sind. So tauchen z.B. „leichte Magenbeschwerden“ zusammen mit „Träumen von Feen“ auf, bei einem anderen „Träumen von Feen“ zusammen mit andauerndem Kopfschmerz, bei einem dritten der andauernde Kopfschmerz zusammen mit einem deutlichen Unwohlsein bei schlechtem Wetter. Da werden dann Symptomsammlungen in den Repertorien kombiniert und differenziert, was das Zeug hält. Und es wird immer mehr. Eine Flut von Variablen, geradezu ein Meer. Potenziell unendlich. Wo bleibt hier die Begrenzung der Variablen, die in klaren, logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt -in diesem Fall Diagnose und Therapie am homöopathischen Patienten- logisch folgt? Von Widersprüchlichkeiten ganz abgesehen.

Es kommt aber noch schöner. Prokop (Der moderne Okkultismus, Voltmedia / Urban & Fischer, 2006) weist darauf hin, welche Unlogik der Tatsache innewohnt, dass man auch schon das eine oder andere homöopathische Mittel „aufgegeben“ hat, obwohl dieses doch erst durch Ergebnisse der Arzneimittelprüfung mit angeblich klarer Symptomatik in die Repertorien gelangt ist!?! Genau wie die anderen, die man belassen hat! Wie kann das sein? Haben sie keine Wirkung gezeigt? Sind bei erneuten Arzneimittelprüfungen andere Symptome herausgekommen? Na, das wären ja dann schöne Beweise gegen das ganze Konzept der Homöopathie… Das ultimative Rasiermesser, sozusagen.

 

Wie war das noch mit dem Ausspruch Einsteins über die Unendlichkeit?

Die einzigen, die mit potenziell unendlichen Variablen in der Wissenschaft arbeiten, sind meines Wissens die Astrophysiker. Aber die sind sehr vorsichtig mit ihren Aussagen, so lange nur mathematische Modelle ohne Bestätigung durch wiederholte Beobachtung vorliegen. Im Gegensatz zu den Homöopathen, die kein Problem damit haben, ihre „Heilkunst“ potenziell ins Unendliche ausdehnen.

Nach Einstein gibt es nur zwei potenziell unendliche Phänomene. Eins davon ist das Universum. Zudem sind wir heute schon weiter als Einstein. Wir wissen, dass beide Phänomene sich trotz ihrer potenziellen Unendlichkeit immer weiter ausdehnen.

 

 

Bildnachweis:

1: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=457963

2 Gedanken zu “Homöopathie unter Ockhams Rasiermesser

  1. Pingback: Homöopathie wirkt nicht? Die Wikipedia ist schuld! – Keine Ahnung von Garnix

  2. Pingback: Es gibt keine wissenschaftliche Kontroverse über die Homöopathie! – Keine Ahnung von Garnix

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