Nachtrag zu“Homöopathie wirkt nicht? Die Wikipedia ist schuld!

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Hieronymus Bosch: Die Verschwörung der materialistischen Skeptiker gegen die Homöopathen (2016)

Die Sache mit der Behauptung, die Wikipedia habe vor lauter Bösartigkeit und im Kniefall vor den Skeptikern und ihrer materialistischen Weltanschauung den Homöopathie-Artikel zeitweilig zur Bearbeitung gesperrt, hat mich nun doch nicht ruhen lassen. In Ergänzung zu meinem Beitrag vom 04.11. hier also für den geneigten Leser noch ein paar interessante Rechercheergebnisse.

Nur eine Blaupause… 

Zunächst einmal hat sich ergeben, dass es eine -wenn auch weit ausführlichere- direkte Vorlage für den Artikel des DZVhÄ  gibt. Dabei handelt es sich um einen Beitrag bei der amerikanischen Huffington Post  des „homöopathischen Arztes Dana Ullman der -sagen wir mal- für seine leidenschaftlichen Interventionen zugunsten der Homöopathie auf vielen Plattformen und in so manchen Foren durchaus einen gewissen Ruf genießt. Ullman verfolgt exakt den gleichen Grundtenor wie Jens Behnke beim DZVhÄ , ist aber weitaus ausführlicher, was seine „Belege“ und weitaus deutlicher, was die Wikipedia angeht. Wie immer bei Ullman, wird man von der Unzahl an vorgeblichen Beweismitteln geradezu erschlagen, auch der Artikel bei der HuffPost strotzt nur so vor Quellenangaben. Beim näheren Hinsehen allerdings zeigt sich auch hier wieder die Gültigkeit der Weisheit aus dem biblischen Buch Kohelet, auch Prediger Salomo genannt: Es gibt nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon einmal dagewesen. Aber diese Inhalte sollen hier nicht Gegenstand der Debatte sein.

Sperre? Artikel? Oder wer?

Vielmehr ist interessant, dass Ullman diesen Artikel offensichtlich im Furor über seine eigene Sperrung als Editor bei Wikipedia verfasst hat, er beklagt sich bitterlich darüber, dass er wegen seiner Eigenschaft als ausübender Homöopath gesperrt worden sei. Schließlich würden ja Ärzte auch nicht bei Medizinthemen gesperrt. Wo er recht hat, hat er recht. Und genau deshalb war ich auch wenig geneigt, seiner Behauptung zu den Gründen seiner Sperre Glauben zu schenken.

Mal sehen, was hierzu in Erfahrung gebracht werden kann.

Es ist nicht allzu schwer, in Wikipedias Referenzseiten den Bericht des Schiedsgerichts zu finden, der 2008 zu einer einjährigen Sperre von Ullman. geführt hat -nicht etwa, wie der Behnke-Artikel suggeriert, zu einer kompletten Editionssperre des gesamten Artikels -in Deutschland ohnehin nicht, in Amerika ebensowenig, wie ein Blick in die Versionsgeschichte zeigt.

Konflikte mit Ullman waren vorher schon in einem niederschwelligeren Verfahren bei Wikipedia behandelt worden, ohne dass dies von Erfolg gekrönt war. Letztendlich gelangte sein gesamtes Verhalten vor das fünfköpfige Wikipedia-Schiedsgericht, das über die von verschiedenen Seiten gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu befinden hatte.

Die Schiedsgericht führt hier die Wikipedia-Regeln an, deren Nichteinhaltung Ullman vorgehalten wurde (Auszüge):

1) Der Zweck von Wikipedia ist es, eine qualitativ hochwertige, frei zugängliche Enzyklopädie in einer Atmosphäre von Kameradschaft und gegenseitigem Respekt unter den Mitwirkenden zu schaffen. Die Nutzung der Website für andere Zwecke, wie zum Beispiel Befürwortung oder Propaganda, Förderung von äußeren Konflikten, Veröffentlichung oder Förderung originärer Forschungsergebnisse sowie politischer oder ideologischer Kampf, ist verboten.

2) Von Wikipedia-Nutzern wird erwartet, sich angemessen, ruhig und höflich bei ihren Interaktionen mit anderen Nutzern zu verhalten und auch  schwierige Situationen angemessen und mit konstruktiver und auf Zusammenarbeit gerichteter Perspektive zu behandeln. Jedes Handeln ist zu vermeiden,  das das Projekt in Verruf bringt. Unangemessenes Verhalten, wie persönliche Angriffe, bösgläubige Annahmen (Unterstellungen), Trolling, Belästigung, destruktive Argumentationen und das nicht ernsthafte Benutzen des Systems sind verboten.

3) Wikipedia-Artikel sollten sich auf zuverlässige, von Drittanbietern veröffentlichte Quellen mit solider Reputation hinsichtlich Tatsachenprüfung und Genauigkeit verlassen.. Quellen sollten direkt die Informationen stützen, wie sie in einem Artikel dargestellt werden und sollten den Ansprüchen des Themas angemessen sein: Außergewöhnliche Ansprüche erfordern außergewöhnliche Quellen.

Die Vorwürfe gegen Ullman, der offensichtlich auch eine wenig kollegiale Einstellung gegenüber der Wikipedia-Gemeinde in den USA gezeigt hat, bezogen sich vor allem auf seine ständige direkte Promotion der Homöopathie durch seine eigenen Beiträge und die Versuche, Beiträge anderer zu verhindern, ohne ausreichende Faktenbasis zu verändern oder zu diskreditieren. So hat er zum Beispiel Quellenangaben „hochgeschrieben“, indem er Zeitschriften eine Reputation zusprach, die sie nachweislich nicht im Entferntesten hatten. Anderes Beispiel: Er legte Studien, z.B. der berühmten Studie von Shang et.al., in seinen Beiträgen Bedeutungen bei, die die Verfasser selbst niemals behauptet hatten. Und so weiter…Zudem stand er unter dem Vorwurf, ständig versucht zu haben, andere Wikipedia-Redakteure „wohlwollend“ in seiner Richtung zu stimmen – was im Schiedsgerichtsverfahren so interpretiert wurde, dass er unter „Wohlwollen“ das vollständige Einschwenken auf seine Linie verstehe…

Nun gut, in die Einzelheiten brauchen wir nicht weiter zu gehen, wen es interessiert, die Quellen sind im Text oben verlinkt. Fest steht, dass aufgrund all dessen Ullman für ein Jahr von jeder Funktion bei Wikipedia gesperrt worden ist, was ein ziemlich deutliches Signal war. Mit fünf zu null Schiedsrichterstimmen. Ullman, nicht die Wikipedia-Seite. Nun, erstmal hatte sich ihm ja die HuffPost als virtuelle Klagemauer zur Verfügung gestellt…

Ach ja, der Artikel auf homoepathie-online…

Und aus alldem macht nun der Deutsche Zentralverband homöopathischer Ärzte  ein die Grenzen der Verschwörungstheorie überschreitendes, faktenbefreites und aus dem Einzelfallkontext „Ullman“ gerissenes Rührstück über die armen, der reinen Wissenschaft verpflichteten Homöopathen, die unter der Knute der gnadenlos materialistisch  ausgerichteten Skeptiker verzweifelt die letzten sicheren Zufluchtsorte aufsuchen müssen…

Keine Worte.

___________________

Nachtrag zum Nachtrag:

Eine weitere Vorlage für den Artikel auf homoeopathie.online ist eine Petition auf change.org, die schon 2014 „selbsternannte Skeptiker“ aus Wikipedia verbannen wollte – zugunsten der Freiheit, ungehemmt Unsinn zu verbreiten und endlich „richtige“ Informationen über die wahre wahrste Wahrheit auf allen Wikipedias dieser Welt unter die Menschheit zu bringen:

This is exactly the case with the Wikipedia pages for Energy Psychology, Energy Medicine, acupuncture, and other forms of complementary/alternative medicine (CAM), which are currently skewed to a negative, unscientific view of these approaches despite numerous rigorous studies in recent years demonstrating their effectiveness. These pages are controlled by a few self-appointed “skeptics” who serve as de facto censors for Wikipedia. …

(Dies (Unterdrückung und Zensur) ist genau der Fall bei den Wikipedia-Seiten für Energiepsychologie, Energiemedizin, Akupunktur und andere Formen der Komplementär- / Alternativmedizin (CAM), die gegenwärtig trotz zahlreicher rigoroser Studien in den letzten Jahren, die die Wirksamkeit dieser Methoden zeigen, bei einer negativen, unwissenschaftlichen Betrachtung dieser Ansätze beharren. Diese Seiten werden von einigen selbst ernannten „Skeptikern“ kontrolliert, die als de facto-Zensoren für Wikipedia dienen. …)

Na, kommt uns das bis in die Formulierung hinein bekannt vor?

Für Wikipedia antworte Gründer Jimmy Wales höchstselbst auf diese Petition, und zwar direkt auf der Petitionsseite bei change.org:


No, you have to be kidding me. Every single person who signed this petition needs to go back to check their premises and think harder about what it means to be honest, factual, truthful. … What we won’t do is pretend that the work of lunatic charlatans is the equivalent of „true scientific discourse“. It isn’t. 

(Nein, ihr wollt mich wohl auf den Arm nehmen. Jede einzelne Person, die diese Petition unterzeichnet hat, muss zurückblicken und sich besinnen, um ihre Standpunkte und deren Prämissen zu prüfen und intensiver darüber nachzudenken, was es bedeutet, ehrlich, sachlich und wahrhaftig zu sein. … Was wir nicht tun werden, ist so zu tun, als sei das Werk verrückter Scharlatane ein Äquivalent des wirklichen wissenschaftlichen Diskurses. Ist es nicht.)

Danke, Jimmy.

 

 

 

Bildnachweis: gemeinfrei

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