Die Selbstentlarvungen des Monats! Heute: Homöopathie

Liebe Leser, fast jeder kennt Meditonsin. Das am meisten verbreitete Scheinmedikament gegen Erkältung. Sogar für Säuglinge empfohlen, da eh ohne Wirkung und ohne Nebenwirkung. Zur Beruhigung quengelnder Erkältungskinder durchaus geeignet, da eine häufig wiederholte Gabe völlig problemlos möglich ist, wg. Unwirksamkeit. Nur nebenher – die Ursubstanzen von Meditonsin sind Quecksilbercyanat, blauer Eisenhut und Tollkirsche. Unverdünnt genommen, bräuchte sich niemand mehr Sorgen um seine Erkältung zu machen.

Wohl im Zusammenhang mit der Markteinführung der Meditonsin-Globuli (bisher gab es nur Tropflösung) läuft eine Marketing-Offensive des Herstellers. Da kann man dann in regionalen Qualitätsblättern beispielsweise folgendes lesen (als redaktionellen Beitrag, nicht als Anzeige):

“ … Um die Wirksamkeit eines der bekanntesten Homöopathika gegen Erkältungskrankheiten (Meditonsin, rezeptfrei in Apotheken) zu bestätigen, untersuchten Mediziner des Forschungsinstituts HOT Screen aus Reutlingen unter Einsatz modernster Zellkultur-Technik dessen Wirkung auf das menschliche Immunsystem. Die Ergebnisse waren eindeutig. Schon geringste Konzentrationen des enthaltenen homöopathischen Trikomplexes (darunter verstehen Experten drei sich ergänzende homöopathisch aufbereitete Naturstoffe) reichten aus, um eine ausgeprägte Aktivierung bestimmter für die Immunabwehr wichtiger Botenstoffe zu bewirken. Der Körper hilft sich auf diese Weise selbst, eingedrungene Erkältungsviren schneller und effektiver anzugreifen und auszuschalten. Der untersuchte Trikomplex ist das bei weitem am häufigsten verwendete homöopathische Erkältungsmittel in Deutschland und steht seit Kurzem auch in Form homöopathischer Erkältungs-Globuli (Streukügelchen) zur Verfügung …“.

Hä? Komplexmittel? Viren ausschalten? Wirkung auf das Immunsystem? Sollten wir den Durchbruch der Homöopathie zur hochwirksamen Medizin erleben dürfen?

Gemach.

Auf die Bitte an das genannte Forschungsinstitut, eine Kopie der Studie zur Verfügung zu stellen bzw. eine Fundstelle dafür anzugeben, teilt die Firma -ein durchaus seriöses Haus, das sei ausdrücklich angemerkt- mit, es habe sich um eine Auftragsstudie gehandelt, die wegen der Rechte des Auftraggebers daran nicht an Dritte weitergegeben werden könne. Man habe weder Einfluss auf noch Kenntnis darüber, ob und in welcher Form der Auftraggeber die Studie für seine Zwecke nutze. Nun gut, da kann man nichts machen. Außer Zweifel hegen, natürlich. Die keineswegs geringer werden durch diese Auskunft.

Nun findet sich allerdings in der Pharmazeutischen Zeitung online, immerhin einem Fachblatt, ein „Originalbeitrag“ unter dem Titel “ Anwendungsbeobachtung: Meditonsin bei Erkältung und grippalem Infekt“. Ganz aktuell, es handelt sich um die Ausgabe 42/2016, womit der Zusammenhang mit der Marktoffensive zu Meditonsin naheliegt.

Auch dieser Artikel preist das Remedium mit Superlativen, die den Eindruck erwecken, über dieses Erkältungsmittel sei nun endlich, endlich der wissenschaftliche Durchbruch für die Homöopathie erreicht… So taucht auch hier wieder die Aussage auf, dass „aktuelle Daten dafür sprechen, dass dieser homöopathische Tri-Komplex gegen die typischen Erkältungssymptome wirkt und durch das ganzheitliche homöopathische Wirkprinzip die körpereigenen Abwehr- und Selbstheilungskräfte unterstützt.“ Aber damit gibt sich die Arbeit hier nicht zufrieden. Sie will mit den Ergebnissen einer „Anwendungsbeobachtung“ diese bemerkenswerten, aber leider nicht nachvollziehbaren Angaben stützen.

Und genau dabei gerät sie aufs Glatteis, der Jahreszeit angemessen.

Was hat man sich nun hier unter einer Anwendungsstudie vorzustellen? Lassen wir sie selbst sprechen:

„Bundesweit wurden insgesamt 1173 Patienten in 188 Apotheken rekrutiert. Davon konnten die Fragebögen von 1115 Patienten ausgewertet werden. Knapp 70 Prozent dieser Patienten waren Frauen, circa 30 Prozent Männer. Das durchschnittliche Alter ± Standardabweichung (SD) betrug 40,2 ± 16,6 Jahre. Der jüngste Studienteilnehmer war ein Jahr alt, der älteste 88 Jahre. Für die meisten Patienten waren die »gute Wirkung« (81,3 Prozent) und die »gute Verträglichkeit« (74,4 Prozent) wichtige Gründe, warum sie sich für die Anwendung des Komplexhomöopathikums entschieden hatten. Insgesamt 723 der 1115 Patienten (64,8 Prozent) gaben an, Meditonsin bereits in der Vergangenheit eingenommen zu haben.“

Aha. Die „Studie“ bestand also darin, in Apotheken Fragebögen an Schnupfenpatienten zu verteilen und wieder einzusammeln. Und zwar solche, die ganz offensichtlich bereits zugunsten des Mittels Meditonsin prädisponiert waren (immerhin hatten sie sich aus „wichtigen Gründen“ selbst für Meditonsin „entschieden“). Zudem unstrukturiert, weder nach Alter, Geschlecht und insbesondere nicht nach (diagnostiziertem) Krankheitszustand vergleichbar. Zudem auf der Basis einer Selbsteinschätzung, also ohne jeden objektivierenden Aspekt. Und wo sind die Leute von der Vergleichsgruppe, die bei gleicher Symptomatik kein Meditionsin nahmen, mit ihren Fragebögen? …

Was da wohl herauskommen mag, fragt man sich. Aber eigentlich liegt es auf der Hand:

„Die apothekenbasierte Beobachtungsstudie bestätigt die gute Wirksamkeit und Verträglichkeit von Meditonsin im Alltag, was sich in einer hohen Patientenzufriedenheit widerspiegelt. Alle Erkältungsbeschwerden zeigten eine deutliche Besserung im Verlauf der Erkrankung. Dabei verbesserten sich die Leitsymptome im Schnitt bereits ab dem zweiten Tag nach Beginn der Behandlung. Das Prüfpräparat wurde durchschnittlich über einen Zeitraum von 6,4 Tagen eingenommen. Die Einnahme wurde meist deshalb beendet, weil die Symptome »ausreichend gebessert« waren oder weil sich die Patienten wieder »gesund« fühlten. Die Studienmedikation war sehr gut verträglich. Es traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf.“

Lässt man mal den ganzen Detailkram drumrum weg und berücksichtigt man, dass der Einnahmebeginn nach Angaben der „Studie“ zwischen einem und drei Tagen nach Symptombeginn lag, ist das Ergebnis so was von eindeutig. Aber so was von:

Ohne Behandlung dauert die Erkältung eine Woche. Mit Behandlung etwa sieben Tage. Heilung durch Regression zur Mitte!

Unglaublich, echt. Da soll mal einer was gegen die Wissenschaft sagen… Die „Original-Veröffentlichung“ in der Pharmazeutischen Zeitung stammt übrigens vom Hersteller selbst.

Nun mal ganz ernsthaft: Ein eigentlich unglaubliches Beispiel, wie dem Publikum heiße Luft als Werbung für heiße Luft um die Ohren geblasen wird.

Nachtrag:

Nach entsprechender Kommentierung im eingangs erwähnten Regionalblatt führte der Versuch, den Artikel und die (erfreulicherweise ganz überwiegend kritischen) Kommentare erneut aufzurufen, zu folgendem Ergebnis:

404

 


15 Gedanken zu “Die Selbstentlarvungen des Monats! Heute: Homöopathie

  1. Und SOWAS wird als „Studie“ veröffentlicht? Lieber Himmel! Natürlich bleibt jedem Hersteller überlassen, seine Produkte zu bewerben. Aber doch bitte deutlich als Werbung kennzeichnen, das gebietet der Anstand (jedenfalls das, was ich darunter verstehe).

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    1. Tja… Die Offensive des Herstellers schlägt sich offenbar noch in einer Reihe weiterer unkritischer „Fachblätter“ nieder. Man braucht nur auf das Schlagwort „Homöopathischer Tri-Komplex“ zu achten…
      Auch hier wieder der „Anstrich der Scheinwissenschaftlichkeit“, den ich so gerne ins Feld führe.

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      1. Und überhaupt: welchem homöopathischen Prinzip folgt die Verwendung eines Desinfektionsmittels (Quecksilbercyanid) bei Infektionen? Das ist doch ein normaler „allopathischer“ Einsatz, wenn auch die Konzentration arg niedrig ist… Und auch Atropin und Aconitin werden meiner Meinung nach nicht homöopathisch, sondern bloß in zu geringer Konzentration, aber „allopathisch'“ eingesetzt (man hofft hier wohl auf den lokalanästhetischen Effekt).

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      2. Zweifellos. Quecksilbercyanid ist (vorsichtshalber) als D 8 enthalten, Atropin und Aconitin als D 5. Also am Übergang von Pseudohomöopathie (was für mich so bis D 6 geht) zu Mittelpotenzen. Liegt alles so auf der Ebene der berühmten, in den USA in Verruf gekommenen Zahnungsmittel auf der Basis von Belladonna D 3. Da sieht man erst recht mal, was man vom „homöopathischen Tri-Komplex“ zu halten hat.

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  2. Ich habe den Beitrag in der Pharmazeutischen Zeitschrift kommentiert. Nur darüber zu lästern bringt nicht. Aufklärung ist angesagt. Vielleicht sollten Sie dort Ihren Artikel verlinken.

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    1. Danke für Ihr Interesse und auch für Ihren Kommentar bei der Pharmazeutischen Zeitschrift! Ich verstehe meinen Blog allerdings keineswegs als „Lästern“. Zumal ich weitaus mehr im „Freifeld“ kommentiere, als ich hier im Blog schreibe. Hier habe ich mich für eine Verarbeitung der Sache im Blog entschieden. Der Beitrag soll einen Bogen schlagen von der unkritischen Werbung in pseudo-redaktionellen Veröffentlichungen bis hin zu pseudo-wissenschaftlichen Darstellung in „Fachpublikationen“. Als aktuelles Exempel für das Vorgehen der Zuckerkugelindustrie sozusagen. Ich denke, da ziehen wir an einem Strang.

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  3. Ist Meditonsin durch das das enthaltene Aconitum napellus eigentlich auch für Patienten mit Lykanthropie geeignet? Sonst wäre doch eher Aconitum lycoctonum eher der auf Null verdünnte Wirkstoff der Wahl bei Zipperlein, die von selbst wieder gehen.

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    1. Das ist jetzt aber eine schwierige Frage… Lykanthropie ist ja nun nicht gerade die Zielgruppe von Meditonsin 😉 . Um aber hier nicht eine Antwort schuldig zu bleiben, sei Hahnemanns Repertorium für Acitonum lycoctonum angeführt:

      Gemüt: Faul/Geschäft abgeneigt/Konzentration schwierig
      Lachen/Manie/Raserei. Tobsucht. Wut/wild
      Ruhelos (während Hitze)
      ist immer zu spät
      Stimmung. Laune – veränderlich/unbeständig
      Zerstreut
      Schwindel im Allgemeinen
      Kopf: Schmerz [Wie Ziehen“/Hinterkopf (rückend)]
      Auge: Hitze im Auge/trockene Canthi
      Ohr: rot hinter den Ohren
      Nase: Absonderung eitrig
      Gesicht: braun/Hautausschläge Herpes an der Nase/Schweiß
      Mund: Zahnfleisch bläulich/Geschmack – adstringierend/“Wie Lehm“
      Äußerer Hals: Geschwollene Halsdrüsen
      Magen: schnelle Sättigung/Durst (nachts)/Schluckauf/übel (< nach Essen)
      Bauch: Schmerz nach Schweinefleisch (schneidend)
      Rektum: Durchfall (nach Schweinefleisch)/Fissur/Jucken/Schmerz [nachts (Tenesmus)/reißend]
      Stuhl: Weiß
      Blase: Urinieren schmerzhaft
      Urin: Farblos/Sediment weiß/Wolkig
      Weibliche Genitalien: Fluor (Fäden ziehend/zäh)/Menses übel riechend
      Auswurf: Wässrig
      Brust: Entzündete Mammae/Beschwerden der Achseldrüsen
      Glieder: Schmerz morgens (ziehend)
      Schlaf: Schläfrig/verlängert
      Allgemeines: 23 h
      Speise und Getränke: : Wein/Zwiebeln;
      Abgeneigt: alle Speisen und Getränke/jede Nahrung/Fett/Milch/Tabak; Verlangt: Bohnen/Erbsen/Kohl/Leckerbissen/Obst/Süßigkeiten/Tabak;
      Schaudern nervöses (< nach Stuhl)
      Schwäche – morgens/nachts
      Schwellung der Drüsen (chronisch)

      Ja, da staunt man mal wieder über die Differenzierungskunst der Homöopathie… In neueren Repertorien taucht das Mittel sogar zur Therape für das Hodgkin Syndrom auf.
      Was soll man da noch sagen. Man kann allenfalls nervös schaudern.

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      1. Vor oder nach dem Stuhl?

        Gruselig, einfach nur gruselig. Ein bisschen wie bei Horoskopen, mit ein bisschen gutem Willen kann man sich darin wiederfinden.
        Ein Hauch von süßem Nichts gegen Krebs. Wenn es nicht so viele Menschen gäbe, die nach dem letzten Strohhalm greifen, wär es fast lustig. Aber eigentlich ist es nur bitter, und eine Schande für unsere moderne Gesellschaft, dass so ein Bullshit so hohe Akzeptanz erfährt.

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      2. Es ist bei näherer Betrachtung so grotesk und irreal, dass man kaum fassen kann, mit welcher Vehemenz und in welcher Breite die Proponenten dieses blanken Unsinns auftreten. Ich mache mir da auch gar keine so großen Illusionen, aber es kann ein Ziel sein, die Reputation der Homöopathie zumindest in der Gesundheitspolitik ins Wanken zu bringen.
        Mal wieder ein Zitat von Prof. Otto Prokop:
        „Wir sind uns bewusst, dass wir keine Chance haben, autistisch fixierte Vertreter der kritisierten Fachrichtungen [der Paramedizin] zu überzeugen, sondern unser Ziel ist lediglich, denjenigen Mitmenschen, die selbst die neomystizistisch-paramedizinische Situation überdenken wollen, Argumente in die Hand zu geben.“

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    1. Früher einmal (1969) enthielt Meditonsin folgende Wirkstoffe in D4: Quecksilbercyanid, Atropinsulfat, Kaliumdichromat. Für 1976 finden wir folgende Inhaltsangabe: „100 g enthalten Aconitinum D4 10 g, Atropinum sulfuricum D4 40 g, Cetylpyridiniumchlorid D2 10 g, Mercurius cyanatus D4 40 g.“ (Zitiert aus der Roten Liste 1976). Hier hatte man also das cancerogene Kaliumdichromat entfernt, dafür Aconitin und vor allem das Biozid Cetylpyridiniumchlorid hinzugefügt. Letzteres ist ein übliches Rachendesinfiziens, das gern in gleicher Konzentration in „allopathischen“ Präparaten gegen Halsentzündung verwendet wird. 1992 finden wir in der „Liste Pharmindex“ eine ähnliche Zusammensetzung (Meditonsin N), wobei Atropinsulfat auf 1/10, Quecksilbercyanid auf 1/10000 der vorherigen Konzentration heruntergesetzt waren, da die vorherigen Konzentrationen beanstandet worden waren. Für die Desinfektionswirkung sorgte weiterhin 0,1% Cetylpyridiniumchlorid, welches in der aktuellen Mischung auch eliminiert wurde.
      Die desinfizierende Wirkung der „alten“ Rezepturen war sicherlich durchschlagend, beruhte aber auf dem direkten Effekt der bioziden Wirkstoffe, nicht auf der Magie der Homöopathie…

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  4. Außerdem: 6 Vol.-% Alkohol.

    Dazu der Hersteller: „Das homöopathische Komplexmittel Meditonsin® enthält Alkohol in geringer Menge (6 Vol.-% Ethanol). Zum Vergleich: Eine ganze Flasche Meditonsin® enthält mit 1,5 g Ethanol gerade mal soviel Alkohol wie eine reife Banane. Der Alkoholgehalt ist somit auch für Kinder völlig unbedenklich.“ Quelle: https://www.meditonsin.de/lp/gut-vertraeglich-fuer-jung-und-alt

    Von der absoluten Menge her stimmt es zwar, was der Hersteller schreibt. Aber einen ähnlich entspannten Umgang würde man sich von Homöopathen auch sonst wünschen, z.B. bei den Adjuvantien bei Impfstoffen. Immerhin steht im Beipackzettel eine Kontraindikation für Alkoholkranke. Schließlich hat auch Oktoberfestbier gerade mal 6 Vol.-% Alkohol. Für reife Bananen werden im Netz meist 0,6 % angegeben. Das Autofahren ist daher auch nach dem Genuss reifer Banenen nicht verboten.

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