Homöopathie als Flüchtlingshilfe: Ein ethisches Problem?!

Das „Gutmenschentum“ der „Homöopathen ohne Grenzen“ (eine einigermaßen unverschämte Okkupation des guten Namens der „Ärzte ohne Grenzen“) stieß bekanntlich vor nicht allzulanger Zeit sogar in Westafrika auf kritischen Verstand, weshalb sie dort mit ihrem Ansinnen, Ebola mit Homöopathie behandeln zu wollen, gleich wieder auf den nächsten Seelenverkäufer in Richtung Europa verfrachtet wurden. Was diese Truppe von weiteren Aktivitäten nicht abhält (wer hätte das auch erwartet…). Und zwar vor Ort. Auch hier unter dem Etikett humanitärer Hilfe.

Unter der Flagge Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland bewerben die „Homöopathen ohne Grenzen“ zusammen mit der Initiative „Homöopathie in Aktion“ ein Netzwerk von Homöopathieangeboten, bundesweit, für die „Behandlung von Geflüchteten“.

Eine ähnliche Aktion des Projekts „Asyl Fürstenfeldbruck“, einer verdienstvollen Initiative vor Ort, ist dem Autor dieser Zeilen schon vor einiger Zeit bekannt geworden. Hier hat sich eine Homöopathin „ohne Grenzen“ der Initiative angeboten und „behandelt“ dort ebenfalls traumatisierte Flüchtlinge – vor dem Hintergrund des guten Namens von „Asyl Fürstenfeldbruck“. Leider hatte eine direkte Intervention dort keinerlei Reaktion zur Folge.

Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete Anfang dieses Monats über ein Angebot homöopathischer Behandlungen für Flüchtlinge im Raum München.

Woraus gefolgert werden darf, dass es hier nicht nur um Einzelfälle geht.

Ganz abgesehen von allen bekannten Argumenten contra Homöopathie im Hinblick auf Unwirksamkeit, fehlende Evidenz et. al.:

Ergibt sich hier nicht ganz konkret ein ethisches Problem? Das sich auch -einmal mehr- an die Politik adressiert? Fakt ist: Hilfsbedürftige Menschen, die nun wirklich nicht als „mündige Patienten“ angesehen werden können, werden für homöopathische „Methoden“ regelrecht akquiriert. Menschen, die in aller Regel schwere Traumaschäden zu verarbeiten haben – was durchaus wohl auch im Vordergrund all dieser „homöopathischen Initiativen“ steht. Um Husten, Schnupfen, Heiserkeit dürfte es hier kaum gehen. Keine Frage: All diese Menschen psychologisch und psychotherapeutisch fachgerecht zu versorgen, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Aber das Angebot einer Scheintherapie kann doch wohl keine Lösung sein! Bei traumatisierten Menschen, oft Kindern?

Abgesehen von der ethischen Unvertretbarkeit -gerade unter diesen Umständen-, eine unwirksame Methode anzubieten: Sicher wird sich der eine oder andere vordergründige „Erfolg“ einstellen, gerade wegen der psychologisch besetzten Gesamtsituation. Aber eine nicht fachgerechte Behandlung psychischer Störungen, zumal von Gewalttraumata, löst nie das Problem. Weder wird nachhaltig etwas für den Patienten getan, noch gewinnt man Erkenntnisse über eventuelle Fremd- oder Eigengefährdungen aufgrund der psychischen Störung. Wir erinnern uns, unseligen Angedenkens, der Behandlung des Attentäters von Ansbach mit einer völlig unzulänglichen „Therapie“ – hier durch einen Heilpraktiker, einen laut Gesetz gar „Ausübenden der Heilkunde“. Auch hierhin gehört meiner Meinung nach der Fall aus dem Beitrag von Spiegel.TV Wissen, bei dem ein höchstwahrscheinlich traumatisch-psychosomatisch erkranktes Kind rein symptomatisch per Phosporicum-Globuli „behandelt“ wurde.

Ich muss leider zugeben, dass ich ebenso verzweifelt wie hilflos vor dieser Geschichte stehe. Es dürfte kaum eine rechtliche Handhabe geben, dies hier zu unterbinden. Und warum nicht? Weil die Homöopathie durch den unsäglichen Binnenkonsens von der Politik „geadelt“ wurde. Und weil ja laut Bundesgesundheitsministerium  „in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen“ die Bewertung von Behandlungsmethoden „nicht in der Zuständigkeit des Ministeriums, sondern bei den dieses Gesundheitswesen repräsentierenden Institutionen und Einrichtungen liege“.
Was uns offenbar von den Staaten Westafrikas unterscheidet.

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Es ist zum schreiend Weglaufen.

 

 

 

Bildnachweis: Fotolia_123112039_XS


8 Gedanken zu “Homöopathie als Flüchtlingshilfe: Ein ethisches Problem?!

  1. Danke für diesen Beitrag, auch wenn er zeigt, dass die Heilpfuscher in der Tat keine Grenzen kennen und keine gesetzt bekommen. Es sollte eine Obergrenze für Dumm- und Dreistigkeit festgesetzt werden, dass diese Menschen vermutlich auch noch davon überzeugt sind, mit ihren Mittelchen bei tödlichen sowie ernsthaften psychischen Krisen Heilung zu verschaffen. Im Falle Ebola zeugt es von Wahnsinn, im Falle der Flüchtlingshilfe von unfassbarer Arroganz und Selbstüberschätzung. Das “schlimme“ hier: vermutlich wird es dem ein oder anderen traumatisierten Flüchtling(skind) allein durch die persönliche Zuwendung scheinbar besser gehen. Emphatische Verhaltensweise haben die meisten ja “drauf“, aber echte PBS zeigt sich an Stellen, die man als selbsternannter Heilsbringer oft nicht sieht.

    Depressionen werden zwar auch mit dem richtigen Medikament gut behandelbar (um überhaupt wieder gedanklich offen zu werden), aber ersetzen ja auch keine Verhaltenstherapie, um dem Grund der Depression zu erforschen und neue Wege zu beschreiten.

    Diese Basics scheinen diesen Gutmenschen völlig abzugehen.

    Sollte man nicht mal anfangen, eine große Petition zu starten? Für jede blöde Schulreform werden Unterschriften gesammelt, warum nicht mal für das Anliegen, Homöopathie darin zu verfrachten, wo sie hingehört: zum Zuckerregal im Supermarkt. Und der Heilpraktikerberuf gehört in der jetzigen Form meines Erachtens komplett gestrichen wegen unethischer Verhaltensweisen. Heilen soll und darf nur jemand mit Approbation, der Rest soll auf dem Jahrmarkt mit der Tarotkartenlegerin ein Team bilden. Lieber den Ärzten mehr Budget & Zeit zugestehen.

    Danke für Ihr Engagement !

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen Dank für Ihr Interesse und die freundliche Ermutigung! Tja, wie geht man vor gegen die Hydra der Pseudomedizin? Von Petitionen, obwohl ich hier und da eine mit unterzeichne, halte ich nichts – wegen nachgewiesener Wirkungslosigkeit. Ich bin recht gut orientiert über die Lage an der politischen Front, und da sieht es nicht gut aus. Die allerwenigsten Parlamentarier sind auch nur grundlegend über die Probleme der Pseudomedizin, speziell der Homöopathie, informiert. Aufklärung über Methoden von Heilpraktikern und Homöopathen erzeugt oft in kleinen Ausschüssen und Arbeitszirkeln geradezu Entsetzen, in der „großen Politik“ schlägt sich das aber bislang nicht nieder. Mein Blog (unter dem Schlagwort „Politik“ zu finden) enthält dazu ja allerlei Informationen und Kommentare aus der letzten Zeit.
      Es führt kein Weg an mühsamer Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit vorbei, am Bohren dicker Bretter, wie man so schön sagt. Sie dürfen aber versichert sein, dass an diesem Bohren inzwischen sehr viel mehr überzeugte und redliche Menschen beteiligt sind als noch vor einem Jahr. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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  2. Bislang bin ich nur stiller Mitleser Ihres Blogs gewesen (ich kommentiere gerne bei Dr. Austs Beweisaufnahme Homöopathie), aber hierzu will ich nicht mehr schweigen, besonders, nachdem ich mir die Website der Homöopathen in Aktion angesehen habe. – – Welch kriminelle Arroganz treibt diese Menschen dazu, sich ohne eine entsprechende therapeutische Qualifikation an traumatisierten Flüchtlingen zu versuchen?? Können sich diese fehlgeleiteten Quacksalber nicht wenigstens ein einziges Mal zurückhalten und sich ein harmloseres Betätigungsfeld suchen?

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    1. Danke für Ihr Interesse! Zu der Motivation dieser „Helfer“ habe ich ausdrücklich nichts gesagt, da mag sich der geneigte Leser selbst seinen Reim drauf machen. Tatsache ist und bleibt, dass das Ansehen von Pseudomedizin im Allgemeinen und Homöopathie im Besonderen -die letztere ist ja das „Aushängeschild“ der Pseudomedizin- erst die Möglichkeit zu solchen Ungeheuerlichkeiten schafft. Die Lobby hat seit den 1970er Jahren ganze Arbeit geleistet. Es sind noch sehr dicke Bretter zu bohren, bis sich die festsitzenden Fehlannahmen in den Köpfen der Entscheidungsträger auflösen und einer rationalen Betrachtungsweise Platz machen. Im abgelaufenen Jahr ist der Bohrer aber immerhin deutlich angesetzt worden, vor allem dank des Zusammenschlusses von Menschen, die dies nicht mehr hinnehmen wollen, im Informationsnetzwerk Homöopathie.
      Bleiben Sie dran!

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    1. Ja. Letzten Endes fehlt einem eine angemessene Reaktion, um die eigene Betroffenheit von so etwas auszudrücken. Ich habe ja auch offen bekannt, dass ich mehr oder weniger hilflos vor dieser Geschichte stehe. Alles was ich tun kann, ist, dies ein wenig bekannt zu machen.
      Wie gesagt – die Verantwortlichen in Fürstenfeldbruck habe ich freundlich und mit ausführlichen Erklärungen zum Thema selbst kontaktiert. Reaktion: Null… Es fehlt noch so sehr an Aufklärung und Wissen – die Pseudomedizin ist eine Hydra, vor allem, seitdem sie sich auch noch im Internet verbreiten kann. Da hilft nur Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung…

      Gefällt 2 Personen

    1. Offensives Vorantreiben pseudomedizinischen Unsinns auf der einen Seite verbindet sich verhängnisvoll mit Unkenntnis, Unterschätzen und Gleichgültigkeit auf der anderen. Deshalb ist diesmal das Wort „alternativlos“ angebracht – anders als mit Aufklärung und Engagement geht es nicht.

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