Wakefield-Alarm: Der TIMES-Artikel übersetzt

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Wie versprochen, hier eine deutsche Fassung des Sunday-Times-Artikels vom 29. Januar. Zum selbst Lesen, Weiterverbreiten und Verlinken.

Zudem der Hinweis auf Dr. Norbert Austs Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“, der sich in höchst kompetenter Weise auch dagegen einsetzt, Wakefield und Co. in Brüssel die Ehre zu geben. Informativ und mit vielen Belegstellen für die Argumentation:

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=2994

Nun aber:

Trump verschafft Anti-Impfstoff-Eiferer Rückenwind

The Times 29.01.2017,  Trump gives anti-vaccine zealots a shot in the arm


(Anm.: „a shot in the arm“ ist hier eine schöne Anspielung auf den Vorgang des Impfens; es bedeutet idiomatisch soviel wie „Rückenwind bekommen“ oder „einen gewaltigen Schritt nach vorne machen“.)

Der diskreditierte britische Arzt Andrew Wakefield hat einen mächtigen Verbündeten rekrutiert

Von Donald Trumps erster Nacht als Präsident wurde ein Video online veröffentlicht, das die medizinische und wissenschaftliche Welt schaudern ließ. Es zeigte einen Mann um die 60 mit schwarzer Krawatte bei Washingtons gefragtestem Inaugurationsball – einen der schärfsten Widersacher der amerikanischen National Health Agency.

Die wackligen Aufnahmen provozierten eine heftige, teilweise wütende Reaktion der medizinischen Gemeinschaft. So twitterten Ärzte und Wissenschaftler beispielsweise: „Ich brauche Medikamente gegen Übelkeit“ oder einfach kurz und knapp: „Bloody Hell“.

Gegenstand der Aufregung war Andrew Wakefield, ein diskreditierter ehemaliger Arzt, der im Vereinigten Königreich im Jahr 2010 für gefälschte Forschungsergebnisse zu einer angeblichen Verbindung von MMR-Impfstoffen (Masern, Mumps und Röteln) und dem Entstehen von Autismus aus der medizinischen Wissenschaftsgemeinde ausgestoßen worden war. Nach einer preisgekrönten Untersuchung von The Sunday Times wurde er vom britischen General Medical Council gerichtlich belangt, einschließlich einer Anklage wegen Betruges, diesen Vorwurf ließ er über seine Anwälte anerkennen. Und nun tauchte eben dieser Wakefield in Washington bei Trumps Amtseinführung auf.

Nachdem Wakefield Großbritannien mit seiner Frau und vier Kindern in Richtung USA den Rücken gekehrt hatte, zog er sich die scharfe Kritik der amerikanischen Medien zu. Das Time-Magazine gab ihm einen Platz in einer Story über „große Wissenschaftsbetrügereien“. Aber erneut und trotz alledem war es ihm gelungen, ängstliche Eltern und Verschwörungstheoretiker mit seinen kruden „Warnungen“ vor Impfungen zu vereinnahmen.

Und jetzt hat Wakefield anscheinend einen starken neuen Unterstützer – den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Vor vierzehn Tagen lud Trump Robert F. Kennedy Jr., den Neffen des ehemaligen Präsidenten und prominenten Impfskeptiker, in den Trump-Tower ein. Kennedy verlautbarte danach, er sei aufgefordert worden, eine neue Kommission für Risikobewertung von Impfstoffen zu leiten (obwohl eine Trump-Sprecherin später sagte, es sei noch keine endgültige Entscheidung getroffen worden).

Trump interessiert sich seit langem für die Anti-Impf-Bewegung („Anti-Vaxxer“). Im Dezember 2007 sagte er: „Meine Theorie [über Autismus] -und ich beschäftige mich damit, denn ich habe kleine Kinder- ist: Es sind die Impfungen. Wir geben diese massiven Injektionen, und ich denke wirklich, dass dies die Kinder schädigt“.

Im Jahr 2012 traf Trump auf Gary Kompothecras, einen Anti-Impf-Campaigner und reichen Sponsor der republikanischen Partei aus Florida. Trump twitterte daraufhin: „Massive kombinierte Impfungen für kleine Kinder sind die Ursache für den großen Anstieg der Autismusfälle“. Im August letzten Jahres wurde Wakefield im Rahmen der Kampagne mit Trump bekannt gemacht; sie ließen sich gemeinsam fotografieren.

Wakefield und andere Impfgegner haben durchaus ihre „Effekte“ in Amerika erzielt. Die Zahl der nicht Geimpften in Texas, wo Wakefield lebt, stieg von 2.314 im Jahr 2003 auf 38.197 im Jahr 2013. Nach einem Masernausbruch in Kalifornien im Jahr 2015 wies die kalifornische Gesundheitsbehörde Wakefield persönlich einen Teil der Schuld zu.

Erin, eine 36-jährige Lehrerin aus New York, ließ ihre beiden Söhne nicht mehr impfen. Ursprünglich hatte sie vor, innerhalb eines längeren Zeitraumes impfen zu lassen (wg. Vorbehalten gegen den Kombinationsimpfstoff, in den USA ein im Vordergrund stehendes Thema, UE). Nachdem sie sich aber „informiert“ hatte, schreckte sie vor der MMR-Impfung aus Angst zurück, damit bei ihren Kindern Autismus zu verursachen.

„Ich könnte es mir nicht verzeihen, wo mein Junge doch so jung, gesund und munter ist, ihn dem Risiko dieser Injektion auszusetzen – und danach wäre er nicht mehr der Gleiche“, erklärte sie. Erin ist überzeugt, dass es eine Kampagne gegen Wakefield gibt, die systematisch wegen wirtschaftlicher Interessen der „Impfstoffindustrie“ geführt wird. „Er muss diskreditiert werden, denn sonst könnten die Pharmafirmen die Eltern nicht dazu bringen, ihre Produkte zu kaufen.“

Unter Trump ist die Bühne für Wakefields Ideen nun wieder neu bereitet worden, ganz offensichtlich, um diesen neuen Schub zu verleihen. Das beunruhigt Maranda Dynda, 23, aus Pittsburgh, die mit 19 eine Tochter bekam und sich schnell in der Anti-Vaxxer-Bewegung wiederfand. „Ich geriet online in eine Anti-Vax-Filterblase“, sagte sie. „Ich glaubte das alles dort, weil ich Angst um mein Kind hatte. Damit bist du so was von anfällig für alle verrückten Szenarien, die sich so auftun.“

Dynda impfte ihre Tochter bis zum Alter von zwei Jahren nicht.Sie begann aber, ihre Position zu überdenken: „Ich fing an zu bemerken, dass die Menschen in der Anti-Vaxxer-Bewegung auch an Dinge glaubten, die ich lächerlich fand – Dinge wie Aidsleugnung und die Flache-Erde-These“, erklärt sie. „Anstatt weiter auf Verschwörungswebsites und YouTube nur Selbstbestätigung zu suchen, sprach ich mit Ärzten und begann, mich in wirkliche wissenschaftliche Veröffentlichungen einzulesen.“

Als Dynda einen Blog veröffentlichte, der ihre Abkehr von der Impfgegnerszene erklären sollte, „war es wie das Verlassen einer Sekte,“ sagte sie. „Ich bekam Morddrohungen, die Leute sagten mir, ich sei eine schreckliche Mutter. Ich habe die meisten meiner Freunde verloren.“

Dynda ist nicht wütend auf Eltern, die überzeugt davon sind, für ihre Kinder das Richtige zu tun. Aber Anti-Vaxxer und aktive Propagandisten wie Wakefield sind für sie eine andere Sache. „Diese Menschen frustrieren mich“, sagte sie. „Sie handeln einfach unverantwortlich.“

Trump versprach, dass er als Präsident „Mehrfachimpfungen nicht erlauben würde“ und twitterte, dass Ärzte über Impfungen „gelogen“ hätten. „So viele Menschen, die Kinder mit Autismus haben, haben mir gedankt“, teile er per Twitter mit.

Wakefield erkannte seine Chance. Nicht mehr Arzt -jede Approbation wurde ihm entzogen-, nennt er sich nun „Filmemacher“ und „versorgt“ Trump mit seinem 91minütigen Dokumentarfilm namens „Vaxxed“. Der Film behauptet, eine angeblich schlecht gemachte Studie des Centre for Disease Control and Prevention (CDC) sei ein Beweis für eine Verschwörung der Regierung mit dem Ziel, Wakefields Thesen zu diskreditieren.

Er bezichtigt die Wissenschaftler des CDC „Verbrechen, schlimmer als die von Stalin, Pol Pot und Hitler“ zu begehen und weist ihnen Verantwortung für „eine Million geschädigter Kinder“ zu.

Wakefield hat seine Unterstützer von seiner Opferrolle überzeugt, davon, dass er von Politik und Wissenschaft zum Schweigen gebracht wurde. „Sie stellen einfach Behauptungen über mich auf“, erzählt er dem Publikum bei seinen Veranstaltungen. „Sie haben keine Argumente, sie haben nichts, als zu behaupten: Liebe Eltern, dieser Mann ist ein Lügner, und, liebe Ärzte und Wissenschaftler, wenn Sie sich daran beteiligen, die Impfstoffsicherheit zu hinterfragen oder gar den Zusammenhang von Autismus und Impfungen zu untersuchen, werden Sie genauso dastehen“.

Nicht nur Trump ist offenbar anfällig für die Anti-Vaxxer-Bewegung. Letzte Woche räumte der Kongressabgeordnete Tom Price, Kandidat für den Chefposten im amerikanischen Gesundheitsministerium, in seiner Senatsanhörung ein, es sei „Ansicht der Wissenschaft“, dass Impfstoffe nicht für Autismus ursächlich seien. Aber auf die ergänzende Frage, ob die Eltern den empfohlenen Impfplänen folgen sollten, wich Price einer Antwort aus.

Seit der Nacht auf Trumps Inaugurationsball geht von Wakefield ein Trommelfeuer von Nachrichten auf seine Anhänger nieder. Der Plan ist offenbar, die Trump-Berater mit Anekdoten von Eltern zu bombardieren, die deren Kinder angeblich nach einer Impfung „nicht mehr die gleichen  waren“.

„Eure Botschaften gehen an jemanden, der viel bewegen kann“, feuerte der ehemalige Arzt in der vergangenen Woche seine Anhänger an. „Es gibt jetzt etwa sechseinhalbtausend Fälle, wir brauchen aber mindestens 10.000 Geschichten von Impfschäden oder mehr.“

Es ist eine ähnliche Methode wie die in den 1990er Jahren, die zum Ende seiner wissenschaftlichen und ärztlichen Laufbahn geführt hatte. Engagiert und bezahlt von einer Anwaltsfirma, durchforstete er systematisch Anti-Vaxx-Gruppen und rekrutierte Eltern, die MMR-Impfungen für das Unglück ihrer Kinder verantwortlich machten. Als ihre Anekdoten analysiert wurden, unter Einbeziehung der medizinischen Unterlagen zu diesen Fällen, schmolzen sie weg wie Schneebälle im Sonnenschein.

Tom Price ist ein ehemaliger orthopädischer Chirurg und vermutlich nicht vollständig immun gegen Fakten. Seine Behörde wird ihm von den abgeschlossenen Rechtsstreitigkeiten aufgrund von mehr als 5.000 Eingaben beim Bundesgericht berichten, seit Wakefield zuerst in Großbritannien auftauchte. Und in nicht einem Fall – wie das Gericht selbst erklärt – war ein Anhalt dafür gefunden worden, dass ein Impfstoff Autismus verursachen könnte. Aber das allein wird Wakefield wohl in seinem neuen Anlauf nicht aufhalten.

„Es war wunderbar, es war großartig, er hat enorme Unterstützung der Administration für das, was er tut“, sagte er über Trump nach dem Inaugurationsball. „Er hat sehr gute Leute“.

So ist nun auch noch zu vielen anderen Ungewissheiten die Frage getreten, welchen Einfluss Trumps Sieg bei den Präsidentschaftswahlen auf das Impfwesen haben wird. Amerika wird abwarten und sich einstweilen fragen müssen, ob der neue Präsident auch Infektionskrankheiten „will make great again“.

dog_

OMG…

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