Zwei Meldungen des Tages…

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… die zusammenpassen wie die Faust auf das berühmte Auge.

Nummer eins:

Wie sicher schon viele aus den Medien erfahren haben, hat die Russische Akademie der Wissenschaften die Homöopathie offiziell als Pseudomedizin eingestuft und dem dortigen Gesundheitsministerium nahegelegt, Maßnahmen zu ergreifen mit dem Ziel, die Homöopathie aus dem öffentlichen Gesundheitssystem zu entfernen. Das Ministerium hat wohl bereits zugesagt, entsprechend zu verfahren. Ich zitiere hier die Pressemitteilung der Akademie der Wissenschaften:

Pressemitteilung
Die Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaften am Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS) hat ein Memorandum „Über die Pseudowissenschaft Homöopathie“ herausgegeben (http://klnran.ru/2017/02/memorandum02-homeopathy/).
Das Dokument besagt: „Die Behandlung mit ultraniedrigen Dosen in homöopathischen Mitteln hat keine wissenschaftliche Grundlage und damit keine Rechtfertigung.“ Die Kommission empfahl dem Ministerium für Gesundheit, alle homöopathischen Arzneimittel aus öffentlichen Kliniken zurückzuziehen und über Maßnahmen des Kartellamtes die Bürger davor zu schützen, dass ihnen das Vorhandensein „therapeutischer Eigenschaften“ solcher Mittel suggeriert wird. Das Gesundheitsministerium hat zugesagt, auf die Argumente des Memorandums zu reagieren, sobald sie diese auf offiziellem Wege erhalten hat.

Das ist insofern nicht nur von hoher, sondern von höchster Bedeutung auch für das Grundanliegen dieses Blogs, als dass das Memorandum mit Gutachten exakt der Argumentationslinie der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft folgt und auch die wesentlichen Belege, die zur international weitestgehend konformen Einstufung der Homöopathie als Scheintherapie führen, seiner eigenen Argumentation zugrunde legt. Demzufolge wäre es auch völlig unangemessen, das russische Statement etwa als exotisch abzutun: Es ist auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnis, argumentiert völlig zutreffend und tritt damit an die Seite der Länder, die längst die fälligen Konsequenzen für ihre Gesundheitssysteme gezogen haben.

Bemerkenswert ist zudem, dass damit in Russland eine seit rund 20 Jahren existierende Verankerung der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitssystems ausdrücklich rückgängig gemacht wird, unter Hinweis darauf, dass es bereits damals an einer wissenschaftlich haltbaren Begründung für eine solche Etablierung gefehlt hat. Hut ab.

In Kürze wird das Informationsnetzwerk Homöopathie auf seiner Webseite weitergehend berichten und eine deutsche Übersetzung des Memorandums und des zugehörigen Gutachtens einer hochkarätigen Wissenschaftskommission vorstellen. Lesebefehl!

 

Wie gesagt, höchst bemerkenswert. Wie steht es nun angesichts dessen um die Aussichten, die bislang gezeigte völlige Unempfindlichkeit gegen Fakten bei den deutschen Verantwortlichen zu beeinflussen? Damit kommen wir, bevor ich mich in längst dargelegten Ansichten zu diesem Thema erneut ergehe, zu

Nummer zwei:

Der Deutsche Zentralverein Homöopathischer Ärzte lädt ein zum 72. Homöopathischen Weltärztekongress unter dem Motto NETWORKING IN MEDICAL CARE – Ärztliche Zusammenarbeit zum Wohle der Patienten, vom 14. bis 17. Juni 2017, Kongresshalle Leipzig.

Schlimm genug. Aber jetzt ratet mal, wer laut DZVhÄ die Schirmherrschaft bei dieser Luftblase übernehmen wird, die zweifellos die doch eher leicht provinzielle Veranstaltung des DVZhÄ in Bremen 2016 aber mal so richtig überstrahlen soll (Schirmherrin damals, trotz Protestaktion der GWUP: Die Bremer Wissenschaftssenatorin, Pädagogin von Beruf und Anhängerin von Pluralismus). Na?

Schirmherrschaft: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin beim Bundesministerium für Gesundheit.

Warum nicht gleich gar Herr Gröhe persönlich? Ah ja, ich erinnere mich dunkel, es gab mal Äußerungen von ihr, dass sie mit Homöopathie gute Erfahrungen gemacht habe und dass es doch so viele positive Studien gebe… oder so.

Wie taub, blind und ignorant muss man eigentlich sein, sich hierauf als politische Amtsträgerin der höchsten Gesundheitsbehörde des Landes einzulassen und sich womöglich auch noch geehrt zu fühlen? Das alles angesichts der mehr und mehr national wie international klar artikulierten Einstufung der Homöopathie als Scharlatanerie, siehe auch oben die erste Meldung? Geht es noch? Wer soll denn alles noch ermuntert werden, diesen ganzen Unsinn weiter ernst zu nehmen, Krankenkassen dafür zahlen und Apothekenkunden das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen? Und vor allem, in Kauf zu nehmen, dass Behandlungen verschleppt oder verunmöglicht werden? Womöglich noch bei Kindern?

Liebes Gesundheitsministerium, liebe Frau Widmann-Mauz: NEIN. Das liegt außerhalb jeglicher Toleranzgrenze. Für mich jedenfalls.

Für euch auch?

Twitter: @BMG_Bund      @AWidmannMauz

Mail: poststelle@bmg.bund.de

 

 

 

 

Bildnachweis: dreamstime_xs_69305092

7 Gedanken zu “Zwei Meldungen des Tages…

  1. Es ist einfach nicht zu fassen, dass sich eine hohe Repräsentantin des deutschen Gesundheitssystems vor so einen rostigen und zusammenbrechenden Karren spannen läßt. Ich bin mir sicher, dass Frau Widmann-Mauz in den kommenden 5 Monaten noch viele Gelegenheiten bekommen wird uns zu erklären, warum die Wählerinnen und Wähler des Landes von der Paramedizin weiterhin so belogen werden dürfen. Was gedenkt sie zu tun, damit sich Ärzte und Pflegepersonal wieder mehr den Patienten zuwenden können. Das sind Kernaufgaben eines BMG!

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    • So ist es. Derweil bemängelt der DVZhÄ, dass ja in Russland für dieses Ergebnis gar keine eigenen Studien durchgeführt worden seien… 🙂
      … und verbreitet die Falschmeldung, Homöopathie werde jetzt in Russland „verboten“. 🙂

      Demnächst noch mehr hierzu an dieser Stelle.

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  2. Lieber Herr Endruscheit (oder darf ich einfach „lieber Udo“ sagen?),

    ja, das ist schon interessant mit der DVZhÄ und Russland.

    Als ob eine Platte hängt:

    „Es müssen mehr, viiiiiiiiiiiiiiiiiiiel mehr Studien her!“

    (in dem Falle greift man ja an, dass Russland keine eigene Studie gemacht hätte – äh wozu auch bei der überwältigenden Anzahl an Studien, die auf die Unwirksamkeit von Homöopathie hinweisen?)

    und dann zwei Sätze später sinngemäß zu argumentieren:

    „Wir haben ganz, ganz, ganz, tolle, eigene, (mit Tipp-Ex bearbeitete und Scheuklappen gelesene) Meta-Hyper-Überirdische-Quantendingskirchens-Studien, die total darauf hinweisen, dass wir keine Ahnung haben, wie das mit der Homöopathie funktioniert, aber alles supi ist – also glauben wir jedenfalls!“ (vor allem der Geldfluss von Patient zu Arzt/Heilpraktiker, der astrein fließt, weil die Gewinnmargen bei Zuckerkügelchen jenseits von Gut und Böse sind)

    Der Kongress regt mich aber richtig auf, wenn ich die Vortragsstruktur lese. Des Pfuschers liebstes Kind Autismus-Spektrums-Störung gleich vorne dran, generell psychische Erkrankungen, von denen diese Leute wahrlich besser die Finger lassen sollten, Krebs und natürlich HIV/Aids, Ich bilde mir ein sogar Ebola gelesen zu haben, aber nach so vielen unfassbaren Einsatzgebieten von Placebos schwinden mir die Sinne.

    Deswegen bin ich schlichtweg mal auf Wikipedia gegangen, um zu schauen, wie sich das damals mit dem Stellenwert der Astrologie erledigt hatte. Die Analogien sind frappierend, so dass ich zitieren muss:

    „Im Jahre 1979 stellte Kelly[67] in einer Metaanalyse der bis dahin vorliegenden Studien fest,
    dass:

    – die große Mehrheit der empirischen Studien, die zu dem Zweck durchgeführt wurden, die
    astrologische Lehre zu überprüfen, deren Behauptungen nicht bestätigen konnte und

    – „the few studies that are positive need additional clarification.“ “

    Déjà-vu bzw. Fehler in der Matrix lassen grüßen.

    Ach: für Studienpassinhaber ist der Kongress for free. Also: wer mag sich das Geschwurbel antun, um von der Front zu berichten? Das wäre wirklich einmal interessant!

    Auf der persönlichen Widmann-Mauz-Seite ist die Schirmherrschaft bisher noch nicht aufgeführt. Bin gespannt, ob sich die Ankündigung vom DVZhÄ hier bestätigt. Dann schließt sich der Kreis zu den „Bemühungen“ des Gesundheitsamtes in Richtung Homöopathie/Heilpraktikerberuf.

    Herzliche Grüße (ich muss mich mal um die nächste Skeptiker-Generation kümmern 😉 )

    Gefällt 1 Person

    • Mein Vorname und das Du sind für Gleichgesinnte frei zugänglich. 🙂

      Da ist ja meine geplante Befassung mit dem Statement des Zentralvereins ja völlig überflüssig, angesichts dieses Kommentars. 🙂 Danke für den Hinweis auf die Parallelen zur Astrologie!

      Gefällt mir

  3. Ja, das ist schon interessant mit der DVZhÄ und Russland.

    Als ob eine Platte hängt:

    „Es müssen mehr, viiiiiiiiiiiiiiiiiiiel mehr Studien her!“

    (in dem Falle greift man ja an, dass Russland keine eigene Studie gemacht hätte – äh wozu auch bei der überwältigenden Anzahl an Studien, die auf die Unwirksamkeit von Homöopathie hinweisen?)

    und dann zwei Sätze später sinngemäß zu argumentieren:

    „Wir haben ganz, ganz, ganz, tolle, eigene, (mit Tipp-Ex bearbeitete und Scheuklappen gelesene) Meta-Hyper-Überirdische-Quantendingskirchens-Studien, die total darauf hinweisen, dass wir keine Ahnung haben, wie das mit der Homöopathie funktioniert, aber alles supi ist – also glauben wir jedenfalls!“ (vor allem der Geldfluss von Patient zu Arzt/Heilpraktiker, der astrein fließt, weil die Gewinnmargen bei Zuckerkügelchen jenseits von Gut und Böse sind)

    Der Kongress regt mich aber richtig auf, wenn ich die Vortragsstruktur lese. Des Pfuschers liebstes Kind Autismus-Spektrums-Störung gleich vorne dran, generell psychische Erkrankungen, von denen diese Leute wahrlich besser die Finger lassen sollten, Krebs und natürlich HIV/Aids, Ich bilde mir ein sogar Ebola gelesen zu haben, aber nach so vielen unfassbaren Einsatzgebieten von Placebos schwinden mir die Sinne.

    Deswegen bin ich schlichtweg mal auf Wikipedia gegangen, um zu schauen, wie sich das damals mit dem Stellenwert der Astrologie erledigt hatte. Die Analogien sind frappierend, so dass ich zitieren muss:

    „Im Jahre 1979 stellte Kelly[67] in einer Metaanalyse der bis dahin vorliegenden Studien fest,
    dass:

    – die große Mehrheit der empirischen Studien, die zu dem Zweck durchgeführt wurden, die
    astrologische Lehre zu überprüfen, deren Behauptungen nicht bestätigen konnte und

    – „the few studies that are positive need additional clarification.“ “

    Déjà-vu bzw. Fehler in der Matrix lassen grüßen.

    Ach: für Studienpassinhaber ist der Kongress for free. Also: wer mag sich das Geschwurbel antun, um von der Front zu berichten? Das wäre wirklich einmal interessant!

    Auf der persönlichen Widmann-Mauz-Seite ist die Schirmherrschaft bisher noch nicht aufgeführt. Bin gespannt, ob sich die Ankündigung vom DVZhÄ hier bestätigt. Dann schließt sich der Kreis zu den „Bemühungen“ des Gesundheitsamtes in Richtung Homöopathie/Heilpraktikerberuf.

    Herzliche Grüße (ich muss mich nun einmal der nächsten Skeptiker-Generation widmen 😉 )

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