Wir finden uns heute hier zusammen…

trauermarsch
Chopin: Klaviersonate Nr. 2, 2. Satz, Trauermarsch

 

… aus traurigem Anlass. Wir verabschieden uns heute von einem Publikationsorgan, das über viele Jahre hinweg wertvolle Dienste bei der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte in allgemeinverständlicher Form geleistet hat und dem dafür Anerkennung gebührte.

Der Abschied gilt zwar nicht dem Organ als solchem, aber seiner Verpflichtung auf wissenschaftliche Fakten und Standards und von der Verantwortung, die eine Publikation, die wichtiger Teil eines Fachverlages ist, gegenüber seinen Lesern hat.

Nun, nimm Deinen Abschied, Bild der Wissenschaft, vom Kreis der seriösen Publikationsorgane für wissenschaftliche Themen und Inhalte. Du hast schon im vergangenen Jahr erste Symptome gezeigt, als Du einen -sagen wir mal- sehr relativierenden Artikel mit dem Titel „Der Impf-Krieg“ veröffentlicht hast, der nun wirklich nicht sehr hilfreich bei der Information verunsicherter und zweifelnder Eltern war. Zudem davon gekrönt, den unsäglichen Herrn Hirte als Fürsprecher der „individuellen Impfentscheidung“ auftreten zu lassen. Schon dafür hast Du viel Kritik geerntet. Zu Recht.

Was Du Dir jetzt aber mit dem Hauptthema Deiner Ausgabe 3/2017 leistest, lässt nur den Schluss zu, dass auch der Impfartikel nicht zufällig irgendwie ins Heft gerutscht ist. Wir lesen nämlich ungläubig eine ganze Artikelreihe über das Lob der „Integrativen Medizin“, die im Kern eine Herabwürdigung der wissenschaftlich orientierten Medizin und eine völlig ungerechtfertigte Aufwertung integrativ-komplementär-alternativer, sprich unwirksamer und unlauterer, Methoden ist. Ja, sicher wird man wieder ins Feld führen, in den Artikeln stecke auch viel Wahres – das war beim Impfartikel auch so. Beispielsweise in der Kritik des Medizinethikers an der „Abfertigungsmedizin“, aber statt hier die wissenschaftliche Medizin in die Verantwortung zu nehmen, wäre es weitaus angemessener gewesen, auf die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen näher einzugehen, die sie für diese Unzulänglichkeiten gesetzt hat. Ganz abgesehen davon, dass die „sprechende Medizin“, der psychologische und psychosomatische Teil der Medizin, schon lange intensiv wissenschaftlich beforscht wird und sogar bereits in erste Leitlinien der Ärzteverbände Einzug hält.

Es ist schon gleich wieder symptomatisch, wenn sofort die „Schulmedizin“ mit eben diesem Begriff diskreditiert wird -und ja, Widerspruch zwecklos, dieser Begriff ist zur Diskreditierung der wissenschaftlichen Medizin erfunden worden und steht auch nach wie vor für diesen Kontext- und dem dann die „Naturheilkunde“ gegenübergestellt wird. Das zeigt in aller Deutlichkeit entweder die Unwissenheit oder aber die böse Absicht der Redaktion, die wissenschaftliche Medizin zu diskreditieren. Naturheilkunde ist schließlich kein im Gesundheitswesen vorkommender Begriff. Nicht zur Naturheilkunde gehören schon mal gleich Homöopathie, Akupunktur und Osteopathie. Nur so als Beispiel.

Und das ewige „mehr Forschung“ und „die Skeptiker liegen falsch, denn das ist nur wissenschaftlich noch nicht bewiesen…“ ist so was von billig, vielfach widerlegt und langweilig… Wo habt ihr das abgeschrieben? Bei den Homöopathen?

Dies aber nur als Anriss. Ich verspreche noch eine nähere Auseinandersetzung mit den Beiträgen, zumal es mir beim ersten Lesen auch so vorkam, als seien hier falsche Zeugen oder Zeugen falsch zitiert worden, was immer sehr problematisch ist.

Ich für mein Teil bin nicht nur erschrocken, ich bin entsetzt. Was habt ihr da getan?

BdW, eine Publikation, die mich selbst auch lange begleitet und auch das naturwissenschaftliche Interesse meines Sohnes mit geweckt hat – ab sofort ohne mich.

Bevor ich es vergesse: Kürzlich las ich in einem bekannten englischsprachigen Wissenschaftsorgan zum Thema integrative Medizin (dieses Wortgeklingel…) sinngemäß folgenden Hinweis:
Wenn ich Bologneser Sauce in eine Apfeltorte mische, ist das nicht integrativ. Sondern einfach eine Sauerei.

 

 

Bildnachweis Noten: Wikimedia Commons

 


16 Gedanken zu “Wir finden uns heute hier zusammen…

  1. Tja, vielleicht gibt es bei Spektrum der Wissenschaft ja redaktionelles Asyl für die Wissenschaftsredakteure bei Bild der Wissenschaft, die sich noch an wissenschaftlichen Methoden orientieren möchten und denen der Beitrag genauso wie der Impfbeitrag bei bdW (Juni 2016) peinlich wahr.

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    1. Es wäre denen zu wünschen, denn ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie man sich als der Wissenschaftlichkeit nach wie vor verpflichteter Redakteur dabei fühlt. Der Rest kann ja dann mit dem PM-Magazin fusionieren.

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  2. Ich bin mit „Spektrum der Wissenschaft“ aufgewachsen. Habe aber vor ca. 12 Jahren das Abo aufgegeben.
    Seitdem habe ich ein paar mal eine BdW gekauft – die gibt es schonmal an der Tanke, die Spektrum findet man hier in der Gegend seltener.
    Und jedesmal waren mehrere Artikel in der BdW, die mir unseriös vorkamen. Mir war das Blatt von Anfang an suspekt.

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    1. bdw spielte immer in einer anderen Liga als Spektrum, auch, als Spektrum (zumindest in der deutschen Ausgabe) sich populärwissenschaftlichen Darstellungen geöffnet hat. Ich habe noch Hefte aus den Neunzigern, wo das durchaus nicht so war – da musste man schon ziemliches Grundwissen für die meisten Beiträge mitbringen.

      Ich habe bdw sehr viel für meinen Sohn als Schullektüre gekauft, für Physik, Chemie, Biologie. Ich stimme aber zu, dass seit langem immer wieder Beiträge enthalten waren, die es zumindest an der notwendigen Präzision fehlen ließen. Ein ganz aktuelles Beispiel ist die Newsletter-Berichterstattung über die soeben von der NASA vorgestellten sieben „erdähnlichen Planeten“. Auch bdw, ein Heft mit wissenschaftlichem Anspruch, stellt nicht deutlich klar, dass „erdähnlich“ in der Nomenklatur der Astronomen lediglich die Abgrenzung von Gas- zu Gesteinsplaneten beschreibt und nicht das Geringste über die Möglichkeit von Leben auf diesen Planeten aussagt. Auch bei bdw wird mit der Spekulation auf Lebensräume gespielt – was absolut unseriös ist. Zu Lebensbedingungen dort weiß die NASA gar nichts, nicht einmal die Annahme, zwei oder drei der Planeten lägen in der grundsätzlich habitablen Zone, rechtfertigt das. Aber es muss ja der Reißer her…

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      1. Ich habe die SdW kennen gelernt, so ca. mit 16 (das war 1984/85). Meine „erweiterte Clique“ bestand damals aus Leuten, die ebenfalls im Tischtennisclub waren, ebenfalls dreimal die Woche Doppelkopf im Pfarrheim gespielt haben, im Sommer in den Semesterferien jeden Tag im Schwimmbad waren, allerdings schon irgendwas studierten. Einer Pharmazie, einer E-Technik, einer Medizin, usw. Und deren SdW habe ich versucht, im Schwimmbad zu lesen. Es hat ein paar Monate gedauert, bis ich mit der Lektüre wirklich etwas anfangen konnte.

        Damals musste ich noch in unsere Schul-Bibliothek, um solche Begriffe nachzuschlagen, die ich noch nie vorher gehört hatte. Ich glaube, ich habe in der Zeit einiges gelernt. Die BdW dagegen hat mich noch nie mit neuem Wissen überrascht, sondern immer nur mit seltsamen Berichten. Ich habe die im Hirn echt mit der „normalen“ BILD assoziiert!

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  3. Die Kritik am Begriff „Schulmedizin“ ist natürlich völlig unberechtigt. Der Begriff ist wichtig bei der Differenzierung gegenüber der Hilfsschulmedizin, z.B. der Homöopathie.

    Beim Begriff der „integrativen Medizin“ sieht es allerdings anders aus. Bologneser Sauce und Apfeltorte, das könnte ja noch Nouvelle Cuisine sein. Aber D-irgendwie verdünnter Hundekot im Aspirin, das muss wirklich nicht sein.

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    1. Mit „Schulmedizin“ grenzt man doch aber die eigentliche Medizin aus einem vermeintlich allumfassenden, integrativen Topf „Medizin“ ab. Dabei ist die „Schulmedizin“ die eigentliche Medizin. Das, was bei der „integrativen Medizin“ dazugenommen wird, ist eigentlich gar keine Medizin, sondern Scharlatanerie, deshalb sollte das durch einen gesonderten Begriff abgegrenzt werden.

      Statt Schulmedizin sollte man, wenn Medizin schon nicht reicht, sowas wie evidenzbasierte Medizin sagen. Homöopathie, Osteopathie usw. könnte man dann eben Pseudomedizin oder esoterische Behandlungsmethode titulieren. Alles schön sprechende Benennungen.

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      1. Selbstverständlich. Wie auch der kleine einleitende Text bei „Über diese Webseite“ ausführt, verwende ich ausschließlich die Begriffe evidenzbasierte (oder wissenschaftsorientierte) Medizin auf der einen und Pseudomedizin auf der anderen Seite. Schulmedizin ist von Hahnemann persönlich zur Diskreditierung seiner verhassten „Allopathen“ als Begriff geprägt worden – und wird nach wie vor praktisch ausschließlich, auch wenn es das Publikum nicht so merkt, als Kampfbegriff der „Alternativen“ gebraucht.

        Der Hohn dabei ist ja, dass die ganzen überkommenen Methoden, die sich auf „altes Wissen“ und frühere Autoritäten berufen, im Wortsinne die „Schulmedizin“ sind. Denn sie folgen einer „Schule“, einem dogmatischen Wissen, das sich nicht im Sinne des modernen Wissenschaftsbegriffs weiterentwickelt.

        Diese unterschwellige Begriffspropaganda passiert durchaus nicht zufällig. Ich denke schon, dass die Lobbyisten der Pseudomedizin genau wissen, warum sie ihre Begrifflichkeiten gebrauchen.

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  4. Ja ist schon Scheisse wenn seriöse Wissenschaftler den Mist der fundamentalistischen Möchte-Gern-Wissenschaftler der Skeptiker Bewegung nicht mitmachen, was? ^^

    Bitte eine Runde Mitleid für die arme Skeptiker Bewegung – NICHT! ^^

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  5. Jetzt bin ich mir etwas unsicher, ob ich den Ironiegehalt meines Kommentars nicht hätte doch kennzeichnen sollen?

    Aber nochmal etwas ernster zurück zur „integrativen Medizin“: Dieser Begriff kommt so sympathisch daher, weil er suggierert, offen für die Wünsche der Patienten zu sein. Das stimmt in gewisser Weise, führt aber in einen Holzweg, wenn man will, dass Behandlungen auch wirklich helfen. Der Begriff der „integrierten Medizin“ öffnet das Versorgungssystem für Angebote aller Art, unabhängig davon, ob sie wirksam sind oder nicht und ob sie mehr nutzen als schaden. Diese Fragen lassen sich auf der Ebene von Patientenwünschen nicht entscheiden. Die Evidenzbasierte Medizin ist daher im Kern exkludierend, nicht integrativ, sie versucht, die Spreu vom Weizen zu trennen, statt beides zusammenzuführen.

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    1. Das geht schon in Ordnung, der Ironiegehalt war unbezweifelbar…Wir verlieren uns ja alle vor lauter Verzweiflung in Ironie…
      Ja, das Gerede von der integrativen Medizin ist nur die Schleimerversion von „komplementär“. Der Lockvogelbegriff, mit dem Bild der Wissenschaft versucht, harmlos daherzukommen.

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    1. Ich gebe zu, dass ich bei „komplementär“ einen bedingten Reflex zeige, der mir den Komplementärbegriff von Prof. Frass und Jens Wurster ins Bewusstsein ruft… Komplementär ist ja nach diesen, wenn man eine unwirksame Methode „komplementär“ gleichzeitig mit einer best-practice-Behandlung anwendet und danach Schlüsse auf die Wirksamkeit der „komplementären“ Behandlung zieht…

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