Flut der Pseudowissenschaft – ein Tidenstandsbericht

Sunny storm

Der verdienstvolle David Gorski hat heute (22. Mai) auf sciencebasedmedicine.org einen ausführlichen Artikel veröffentlicht, der sich mit der schleichenden Ausbreitung pseudomedizinischen Unsinns in der (bislang) wissenschaftsbasierten Szene befasst. Er verdeutlicht dies im Besonderen an der Öffnung des British Medical Journal, eigentlich stets einer Bastion der Wissenschaftlichkeit,  für lang und breit ausgetretene pseudomedizinische „Forschung“.

Dort können gar Versuche gestartet werden, eine völlig neue Nomenklatur einzuführen, die mal wieder eine „zweite Medizin“ neben der wissenschaftsbasierten zu installieren versucht. Zweifellos Gedankengänge von Menschen, die vordergründig in „Medical Reseach“ tätig sind, aber denen der intellektuelle Hintergrund offenbar fehlt, die Absurdität von den „mehreren Wissenschaften“ zu begreifen. Siehe auch die auch auf diesem Blog bereits angesprochenen Fehlentwicklungen in der deutschen akademischen Szene.

Ein Auszug (Übersetzungen von mir):
Neben der enthusiastischen Umarmung von Pseudokram durch  große, angesehene akademische Institutionen wie der Cleveland Clinic und dem Memorial Sloan-Kettering Cancer Center  hat sich diese „Integration“ von Quacksalberei in die Medizin jetzt auch in medizinischen Zeitschriften manifestiert.  Bislang unverrückbar  wissenschaftlich fundierte medizinische Journale haben leider begonnen, Dinge zu veröffentlichen, die man nur als leichtgläubige Bestätigungen von Quacksalbereien bezeichnen kann. Wir haben hinreichend viele Beispiele hierfür schon über die Jahre hinweg  aufgegriffen. Ich sehe mich  aber  jetzt veranlasst, einen richtigen Kracher (im Original: Whopper) zu dokumentieren: Das British Medical Journal hat zwei ‚State of the Art-Reviews‘ über  ‚Integrative Medizin‘ veröffentlicht, die das falsche Paradigma aufgreifen, Quacksalberei und Medizin müssten ‚ integriert‘ werden.
Der erste ‚State of the Art‘-Beitrag befasst sich mit dem Behandlungsmanagement von chronischen Schmerzen mittels komplementärer und integrativer Medizin (von Lucy Chen aus dem Massachusetts General Hospital Center für Translational Pain Research und Andreas Michalsen vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie und Immanuel Hospital in Berlin). Die zweite ist eine Arbeit über komplementäre und integrative Medizin in der Kopfschmerzbehandlung (von Denise Millstine, Christina Y Chen und Brent Bauer, alle aus der Mayo Clinic). Leider sind sowohl Harvard als auch die Mayo Clinic zu Bastionen der quackademischen Medizin geworden.“

So können sich Chen/Michelsen allen Ernstes  erdreisten, folgendes im BMJ zu veröffentlichen:

“ Das Konzept der komplementären und integrativen Medizin (CIM) umfasst sowohl westliche Medizin als auch komplementäre Gesundheitsansätze als neuen kombinierten Ansatz zur Behandlung einer Vielzahl von klinischen Bedingungen. CIM kann eine einzigartige Rolle bei der chronischen Schmerztherapie haben, da die multidimensionale Natur des Schmerzerlebnisses eine multimodale Behandlung erfordert. Jüngste Fortschritte in der Grundlagenforschung und der klinischen Forschung auf CIM haben das Bewusstsein der Patienten über die potenzielle therapeutische Anwendung von CIM deutlich erhöht.“

Da haben wir die neue Nomenklatur: CIM. Der Versuch, einen neuen scheinwissenschaftlichen Begriff zu etablieren, unter mehr oder weniger subtiler Herabsetzung,  ja Relativierung der wissenschaftlichen Medizin – durch wissenschaftlich ausgebildete Mediziner! Gorski meint dazu:

„Man beachte die falsche Dichotomie, in der ‚westliche‘ (z.B. europäische) Tradition als wissenschaftlich-reduktionistisch und humanistisch defizitär dargestellt wird – im Gegensatz zu ‚CIM‘.
Ich habe einen neuen evolutionären Schritt beim Sprachgebrauch zu CAM (Complementary and Alternative Medicine) längst registriert- und dies ist ein weiterer Teil davon. Zuerst fiel mir beim National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) die von ihm selbst vorgeschlagene Umbenennung in das ‚National Center for Research on Complementary and Integrative Health‘ (NCCIH) auf.  Dies ist nur die jüngste Iteration des „Rebranding“ der Quacksalberei,  die damit versucht, sich über sprachliche Assoziation respektabler darzustellen. Genau dazu tragen die BMJ-Artikel bei.“

Das ist kein Zufall, das ist interessengeleitete Unterminierungsarbeit.

Prof. Gorski schließt wie folgt:

„Prof. Ernst ist mit Fug und recht unglücklich. Wie er richtig sagt, war das BMJ bislang eine wissenschaftlich führende Zeitschrift. Was passiert hier? Ich glaube, ich weiß es – leider.  Die Flut der Pseudowissenschaft, die im letzten Vierteljahrhundert zugenommen hat, hat auch das BMJ einfach verschlungen. Zumindest in diesem Fall gab es einigen Gegenwind, aber ich fürchte, dass dies nur von kurzer Dauer sein wird. Jetzt sind wir erst einmal gespannt, was das BMJ als nächste systematische Übersicht über die Behandlung von Patienten mit Methoden der CIM veröffentlicht – vielleicht von Patienten mit einem vagen Unbehagen, einem leichten Nervenflattern oder auch nur mit mehr Geld als Verstand.  Ich bin sicher, dass diese Übersicht ebenso positiv ausfallen wird wie die Bewertungen von Chen,  Michalsen, Millstine et .al.“

Hier wird die Axt an die Wurzeln der wissenschaftsbasierten Medizin gelegt.  Man kann es leider nicht anders ausdrücken.

Ohne mich.

Der ganze Artikel von Prof. Gorski, oben im Text verlinkt, ist recht lang. Wer interessiert ist, sollte ihn auf jeden Fall lesen – er ist mit halbwegs soliden Englischkenntnissen recht gut verständlich.

PS
Prof. Ernst führt auf seinem Blog zu den genannten Reviews im BMJ aus, sie enthielten soviel Bullshit, dass man damit mehrere Hektar Ackerland fruchtbar machen könnte…

 

 

Bildnachweis: Fotolia_79288124_S

 

2 Gedanken zu “Flut der Pseudowissenschaft – ein Tidenstandsbericht

  1. Manchmal frage ich mich, woher DG die Zeit nimmt, seine Artikel nicht nur zu recherchieren, sondern auch dann noch so ausführlich zu schreiben. Zumal er ja nicht nur auf SBM veröffentlicht, sondern auch noch in seinem nicht-so-super-geheimen anderen Blog. Und dann ist da ja noch sein „day job“ in der Brustkrebschirurgie…

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