Schatten und Licht…

Cain statue in Tuileries Garden in Paris

Steingewordener Facepalm wg. Impfgegnern. „Kain“ in den Tuilerien, Paris

… sind heute wieder zu vermelden, und ja, leider mal wieder aus der Impfgegnerszene.

Ich fange mal gleich mit zwei Dingen an, die gemessen an dem, was mir das Internet so Tag für Tag zum Thema Impfgegnerschaft hereinspült, zwar marginal erscheinen mögen, aber in der Tendenz und auch als besondere Einzelfälle für sich sprechen.

 

Die Rhein Main Presse berichtet unter dem 08.06.2017:
„Impfgegnerin doziert im Mainzer Rathaus – Unwissenschaftlicher Vortrag schürt Angst“

Was dort zu lesen ist, zieht einem schon die Schuhe aus.

„Hier trauen sich nicht viele dran“, eröffnet Karin Dorner ihren Vortrag, der sich zu einer Mobilisierung gegen das Impfen inklusive Verschwörungstheorien ausweiten wird. Wer sich aber „herantraut“ ist die Stadt: Dorner steht im Haifa-Saal des Mainzer Rathauses und erklärt zwei Stunden lang, warum Impfen eine tödliche Gefahr sei, Schuld an AIDS, Multipler Sklerose und Kriminalität.

Die Veranstaltung gehört zur „Lokalen Agenda 21“, ein von der Stadt koordiniertes und auf ihrer Website beworbenes Programm. Das „Gesundheitsforum Mainz-Wiesbaden“, deren Mitglied Dorner ist, gehört zum Arbeitskreis „Ernährung und Gesundheit“. Der Arbeitskreis wollte die Referentin einladen, sagt Ellen König, Sprecherin der Stadt Mainz….

… „Wir können und wollen als Stadt keine Zensur üben“, sagt Pressesprecherin Ellen König. „Auch wenn es sich um Vortragende handelt, deren Meinung wir nicht vertreten.“

… Am Ende des Vortags vor etwa 15 Leuten gibt es Fragen aus dem Publikum. Wie sei denn zum Beispiel eine von der Schule geforderte Impfung zu umgehen? „Sagen sie, ihr Kind sei gegen Fremdeiweiß allergisch“, antwortet Dorner. Und weiter: „Ich kann ihnen Adressen von Ärzten geben, die ohne nachzufragen, diese Atteste ausstellen“, beruhigt sie die vom Vortrag erregten Eltern. „Jeder achte impft nicht mehr – und Sie?“ Mit dieser Folie endet ihr Vortrag. …

Also auch gleich noch ein extremer Fall von Impfgegnerwahn. Es ist kaum zu ertragen.

Das Grauen macht sich breit, wenn man das liest. Ich kenne mich gut genug damit aus, was eine Stadt darf, kann oder was auch immer in ihren eigenen Räumen. Es wäre nicht nur das Recht, sondern die Pflicht der Stadt Mainz gewesen, diese Veranstaltung zu verhindern. Hier erleben wir einmal mehr, wie Gleichmacherei mit Pluralismus, Ausgewogenheit mit Beliebigkeit und vor allem Meinungen mit Fakten verwechselt werden. Wenn ich die  Äußerungen die VertreterInnen der Stadt Mainz  ernst nehme, kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass sie als öffentlich Bedienstete schlicht ihren Job nicht machen. Das ist nichts anderes als ein veritabler Skandal. Danke, Stadt Mainz.

Einmal ein großes Lob an die Adresse der schreibenden Zunft in Gestalt der Rhein Main Presse für diesen engagierten und eindeutig positionierten Artikel und ebenso an die Hinweisgeberin! Ich kann alle meine Leser, die so etwas in ihrem regionalen Umfeld erleben, nur dazu aufrufen, per Mail, Brief oder wie auch immer den Verantwortlichen mit deutlichen Worten ihre Meinung zu sagen. Und auch einmal ein Lob per Leserbrief auszusprechen, wenn sich einmal eine Zeitung so deutlich positioniert wie die Rhein Main Presse.

Zum nächsten Thema:

VAXXED im Chiemgau – Bis zum Amoklauf

Zum Thema „Kinos und Vaxxed“ brauche ich meinen Bloglesern ja wohl nichts mehr zu sagen. Ein Nachtrag soll hier aber doch noch Platz finden.

Mike’s Kino, ein beliebtes Traditionshaus in der Chiemgauer Gegend, konnte es trotz Protesten nicht lassen, VAXXED mit einer anschließenden Diskussion zu zeigen. Mein Bloggerkollege von den Chiemgauer Gemseneiern, der eigentlich sonst schon genug mit der pseudomedizinischen Verseuchung des schönen Voralpenlandes zu tun hat, hat nicht nur im Vorfeld versucht, den Betreibern die notwendigen Fakten nahezubringen, er hat es sogar auf sich genommen, gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten die Veranstaltung zu besuchen.

Den Bericht über diese Folter hat er hier auf auf seinem Blog veröffentlicht. Bemerkenswert ist auch die Facebookseite von Mike’s Kino mit den darauf einsehbaren Kommentaren. Vor allem deshalb, weil der Blogautor dort über die Maßen heftig angegangen wurde. Die Kommentare dort lassen dementsprechend auch wenig zu wünschen übrig.

Nun mag man sich fragen, was ein beliebtes und regional geschätzes Kino dazu bringt, sich derart aus dem Fenster zu lehnen und die Fünfe nicht wenigstens nach dem Vorüberziehen von Wakefields Lügen gerade sein zu lassen. Aus meinem Erstaunen hierüber habe ich mich dort mit folgender Bemerkung verewigt:

Was für ein Universum an Arroganz und Nichtwissenheit… Und das ist noch ein Kompliment. Wer nach der vorher gelaufenen Diskussion sich derart für dieses üble Machwerk ins Zeug legt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Ich stelle mit größtem Erstaunen fest, dass sich manche Kinobetreiber in einem Maße zugunsten dieses Machwerks aus dem Fenster hängen, das ich mir einfach nicht erklären kann. Ist die eigene Verblendung wirklich so groß? Gibt es irgendwelchen Druck im Hintergrund? Gleiches konnte ich beim Verleih feststellen.

Warum ich mich das frage? Ich weigere mich einfach zu glauben, dass es normal funktionierenden Menschen so schwerfällt, einzusehen, dass es hier nicht um Meinungsfreiheit, nicht um Pluralität oder sonstwas in der Richtung geht, sondern um die Verbreitung längst nachgewiesener Lügenmärchen, die den Keim in sich tragen, anderen Menschen massiv zu schaden. Pluralität und Parität ja, aber nur zwischen faktenbasierten Standpunkten! Und der Film ist eine Ansammlung von nicht faktenbasierten Standpunkten – auch Lügen genannt.

Mit einem Kino, das mal einen miesen Film zeigt, auch mal richtig ins Klo greift, könnte ich leben. Nicht aber mit einem, das solchen Obermist auch noch offensiv verteidigt.

Es gab gerade in diesem Thread ordentlich Dickes für das Kino. Selbst schuld.

 

Und damit zu einer Meldung vom heutigen Tag, die zwar von denkbar weit entfernten Ereignissen berichtet, aber trotzdem hoch erfreulich ist. Der New Zealand Herald berichtet:

Anti-vaccine film pulled from NZ cinemas

Tja. Eine Reihe von Kinoketten hat aufgrund der öffentlichen Debatte zu VAXXED, die in Neuseeland sehr breit geführt wurde und in der auch Funktionsträger des öffentlichen Gesundheitswesens sich zu Wort gemeldet haben, die Übernahme von VAXXED in ihre Programme gecancelt, wie man so schön auf Neudeutsch sagt. Offenbar großenteils aus gewonnener Überzeugung.

Ausschlaggebend hierfür war auch die Aktivität und der Mut eines einzelnen neuseeländischen Arztes: Lance O’Sullivan, abstammend von Ureinwohnern und 2014 Neuseelands Man of the Year für sein Engagement, gesundheitliche Aufklärung und Versorgung in unversorgte und unzugängliche Gebiete Neuseelands zu bringen. Er hatte den Mut, vor kurzem mitten in einer Vorführung von VAXXED auf die Kinobühne zu springen und ein leidenschaftliches Statement gegen den Unsinn der Impfgegner abzugeben. Er begann sein Plädoyer mit dem Satz: „Dass Sie hier anwesend sind, kann die Ursache für den Tod von Babys sein!“.

Hut ab. Chapeau. Und was man da sonst noch zu sagen kann. Ein Vorbild vom Allerbesten.

Lance O'Sullivan, Man of The Year New Zealand 2014

Lance O’Sullivan, Man of The Year New Zealand 2014

 

Alle Themen des heutigen Artikels rufen uns auf: Liebe Leser, nicht nachlassen und jede Gelegenheit nutzen, Pseudokram zu widersprechen! Noch nie war es so leicht wie zu Zeiten des Internets, Schwurbelkram unter die Leute zu bringen. Aber noch nie war es so leicht wie zu Zeiten des Internets, Statements dagegen zu setzen.

 

Bildnachweise:
Fotolia_99235383_S
Courtesy of New Zealand Herald

 

 

 

 

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