Interview mit einem Homöopathen (2)

Still not amused…

Liebe Leserinnen und Leser,
ich bitte vorab noch einmal um Verständnis, dass die Beiträge zu Dr. Behnkes Interview außergewöhnlich lang ausfallen (werden). Meine Lebensfreude wird dadurch auch nur bedingt positiv beeinflusst. Ich wäre aber nicht zufrieden damit, eine derart breit ausgeführte und argumentativ verflochtene Homöopathie-Propaganda  kurz abzutun. Was durchaus eine Alternative wäre, es reicht natürlich der Satz „Wo nichts ist, kann nichts wirken und darüber kann man auch keine sinnvollen Interviews geben“.  Völlig richtig und legitim. Will ich aber nicht.

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In den nachfolgenden Passagen des Interviews mit Dr. Behnke wird es wiederholt um Fragen der Studienlage zur Homöopathie zum wissenschaftlichen Nachweis ihrer Wirksamkeit und auch zur Wissenschaftsproblematik allgemein gehen. Ein detailliertes Eingehen hierauf würde den Rahmen dieser Besprechung endgültig sprengen, ich werde insofern nur anekdotisch kommentieren. Meine Bewunderung an alle, die sich mit der Studienlage immer wieder detailliert auseinandersetzen  – was ich auch tue, aber so etwas ist nicht in ein, zwei Stunden machbar.

In Interviews oder Artikeln ist es genau deshalb immer wieder eine beliebte Gelegenheit für Homöopathen, mit einem Feuerwerk (besser Blendwerk) aus den gesammelten Studien beim geneigten Publikum Eindruck zu machen. Eben das tut auch Dr. Behnke. Wer kann so etwas auf die Schnelle widerlegen? Mir geht es hier um Grundsätzliches, was für den nicht mit Studien vertrauten Leser auch besser verständlich sein dürfte. Wegen der allgemeinen Gültigkeit dieser Dinge für große Teile des noch Folgenden beginne ich den zweiten Teil mit einem

Exkurs zur Studienproblematik

Es ist ja eigentlich erstaunlich, dass bei allem Herausstreichen der empirischen Basis der Homöopathie („es geht auch ohne Studien“, „phänomenologische Methode“) die Homöopathen immer und immer wieder das Studienthema ans Licht zerren. Mit allen Mitteln wird versucht, der Studienlage Positiva für die Homöopathie abzuringen. Also traut man doch der reinen Empirie selbst nicht über den Weg? Es ist wohl der Wunsch, sich mit wissenschaftlichem Odium etablieren zu wollen, um der Homöopathie doch noch den lang ersehnten Adelsstand zu verschaffen: Wissenschaftliche Reputation. Ein weiteres Motiv sehe ich allerdings auch darin, dass die Homöopathen durch die ständige Debatte um die Studienproblematik den Eindruck erwecken wollen, die Sache sei immer noch „wissenschaftlich nicht entschieden“ und außerdem auf unkritische Rezeption beim zahlenden Publikum spekulieren. Ich verweise hierzu auf grundsätzliche Ausführungen auf Dr. Norbert Austs Blog.

Zudem ist, das darf man nie vergessen, Forschung zur Homöopathie immer nur Bestätigungsforschung. Sie geht niemals den Gang, dass eine Hypothese aufgestellt und in Experimenten ihre Stichhaltigkeit geprüft wird, daraufhin, ob sie die Chance hat, zu einer Theorie aufzusteigen. Es geht immer und ausschließlich darum, die seit 200 Jahren vergeblich behauptete Wirksamkeit der Homöopathie zu bestätigen. Dass dies den confirmation bias, die Fehldeutung durch den Wunsch der Selbstbestätigung, extrem fördert, sollte klar sein.  Ergebnis ist das berühmt-berüchtigte Cherrypicking, die isolierte Darstellung von Detailergebnissen, die dem Wunschziel zupaß kommen.

Ein sehr grundsätzlicher Aspekt ist die sogenannte Anfangsplausibilität, die -ursprünglich aus den Geisteswissenschaften stammend- zunehmend als wichtiges Beurteilungskriterium in der Naturwissenschaft nicht nur für die Beurteilung von Ergebnissen, sondern auch für die Frage der Rechtfertigung von Forschungsprojekten überhaupt etabliert hat. Sie ist inzwischen anerkannter Teil der evidenzbasierten Forschung.

Bei der Auswertung von vergleichenden Studien (wie den RCTs in der medizinischen Forschung) wird ein Ergebnis erst dann als „signifikant“ (hervorragende Details dazu hier) angesehen, wenn es die erwartbare Menge an Zufallsergebnissen überschreitet. Generell wird diese Menge an (falschen) Zufallsergebnissen, die zu erwarten sind, mit 5 Prozent angesetzt. Das ist der Wert, der als „natürliche Fehlerquelle“ erwartet wird, wenn man die Nullhypothese allein betrachtet, also eine interventionsfreie Gruppe („das, was sowieso immer rauskommt“). Was diese Schwankungsbreite überschreitet, gilt als „Signifikanz“. Diese wird, wenn sie einmal auftaucht (was neben der erwarteten Ursache durchaus immer noch andere Ursachen haben kann), von den Homöopathen immer wie eine Monstranz vorgezeigt. Wobei aber klar sein muss, dass auch eine sehr geringe Überschreitung der Zufallsgrenze in der Wissenschaft als „Signifikanz“ bezeichnet wird – anders als in der Umgangssprache, wo dieser Begriff so etwas wie einen „Beweis“ suggeriert. In Wirklichkeit kann aber „Signifikanz“ die Bedeutung eines Glühwürmchens haben, das plötzlich in einer durch Sterne und Straßenlaternen „zufällig“ beleuchteten Gegend „zusätzlich“ auftritt.

Bei einer geringen Signifikanz stellt sich immer die Frage, was tun. Der normale Vorgang ist, einen Versuch zur Reproduktion des signifikanten Ergebnisses zu unternehmen oder aber die Forschungshypothese nicht weiter zu verfolgen. Das ist bereits eine Schwelle, an der nahezu alle homöopathischen Studien mit „Signifikanz“ gescheitert sind: Sie bleiben Einzelergebnisse, da sie durchweg nicht reproduziert werden konnten. Die übliche Reaktion bei Studien ohne Signifikanz ist bei den Homöopathen in der Regel eine Haltung des „Nicht sein kann, was nicht sein darf“, wofür die bekannte  Münchner Kopfschmerzstudie ein schlagendes Beispiel ist.

Ein weiterer Punkt ist, dass nahezu alle großen Reviews, auch die von den Homöopathen immer wieder angeführten (und überinterpretierten) Arbeiten von Linde (1998) und Mathie (2014) gezeigt haben, dass bei einer zusammenfassenden Betrachtung vieler Einzelstudien ihre Signifikanz zunehmend verschwindet. Das liegt an der Ausmerzung systematischer und statistischer Fehlerquellen, beispielsweise dem confirmation bias, und an der Homogenisierung des Datenmaterials bei der Betrachtung größerer Gruppen.

Dies nun führt uns zum Begriff der „Anfangsplausibilität“, auch unter dem Begriff „Scientabilität“ bekannt. Er besagt ganz einfach, dass Studienergebnisse umso kritischer betrachtet werden müssen, je unplausibler ihre Grundannahmen sind, also die Grundsatzwahrscheinlichkeit, dass überhaupt ein positives Ergebnis erzielt werden wird. Zudem sind die bisherigen Studienergebnisse zu berücksichtigen, da sie in ihrer Gesamtheit eben auch ein Relevanzkriterium sind. Und da sieht die Homöopathie ganz, ganz schlecht aus.

Da es keinen plausiblen Wirkungsmechanismus gibt, ja, noch nicht einmal einigermaßen rationale Ansätze dazu (das räumen die Homöopathen als fröhliche Phänomenologen ja unumwunden ein, ohne die darin liegenden Fallstricke zu bemerken) liegt schon von daher die Anfangsplausibiltät praktisch bei Null. Das heißt: Es sind keine Ergebnisse zu erwarten, die nicht auf Zufallsaspekte oder störende Einflüsse in der Studie zurückzuführen wären. Dieses Urteil wird noch erhärtet durch die eben genannten Gesichtspunkte: Allenfalls geringe Signifikanzen bei den bisherigen Studien, die auch noch schwinden, wenn sie in systematischen Reviews einbezogen werden.  Auch hier gilt der Grundsatz: Wo Nichts ist, da ist Nichts.

Also bitte im Gedächtnis behalten:

  • Die Homöopathen streiten um die Studienlagen, obwohl sie andererseits stolze Empiriker sind, die sich etwas darauf zugute halten, eine „phänomenologische Methode“ zu betreiben, die auf (anderweitig erklärbaren) Einzelphänomenen beruht und bei denen Grundlagenfragen und Theorien zur Methode allenfalls „zweitrangig“ (Behnke) sind.
  • Die Studienlage ist in der Regel durch schwache Evidenzen geprägt (wie viele Negativstudien nie publiziert wurden, weiß man nicht, allerdings ist das -bisher- in der wissenschaftlichen Forschung auch nicht immer so offen kommuniziert worden).
  • Unter Berücksichtigung einer Anfangsplausibilität bei praktisch Null können positive Ergebnisse ohnehin nicht a priori als Belege für die Wirksamkeit der Methode gelten. Dazu würde es mindestens mehrfacher Reproduktion und einer genauen kritischen Betrachtung des Studiendesigns bedürfen. Das ist nichts anderes als die Langfassung des schlichten Satzes: Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege. Bevor die Grundannahmen, die zur fehlenden Anfangsplausibilität führen, erschüttert werden, bedarf es schon einiger nobelpreiswürdiger Erkenntnisse. Dies ist mir sehr wichtig, weil es die grundsätzliche Perspektive ist, unter der auch Dr. Behnkes Ausführungen zu Homöopathie-Studien zu betrachten sind.

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Die Frage „Was sind Globuli“ lassen wir mal beiseite. Wir wollen uns schließlich nicht in kleinkarierten Hinweisen ergehen wie dem, dass Globuli nicht nur aus Rohrzucker, sondern auch aus Milchzucker und gar laktosefrei zu erhalten sind. Oder dass die -in geringen Mengen- aufgesprühte arzneiliche Lösung verdunstet und infolgedessen wegen des Verdunstens sogar die „Produktkette“ Ursubstanz Arzneimittel unterbrochen wird (von der Frage, was denn wohl in der „arzneilichen Lösung“ überhaupt noch enthalten ist, zu schweigen). Mir fällt sogar noch mehr ein, aber lassen wir das. Nur eines würde mich eigentlich schon interessieren: Wenn die Ursubstanz ihre „Information“ irgendwie dem Lösungsmittel aufgeprägt haben soll, wie gelangt denn dann diese „Information“ angesichts des schnellen Verdunstens des Lösungsmittels auf die Globuli? Das wäre doch mal eine Frage gewesen… Aber gut.

 

Christiane Mauthe empfiehlt Globuli für Pflanzen, um Schädlinge abzuhalten und Dagmar Neff stellt die „Homöopathie zum Aufmalen“ als neue Homöopathie vor. Können sie den Wirkmechanismus von Homöopathie für Pflanzen und zum Aufmalen erklären?

Versetze ich mich hier einmal an Dr. Behnkes Stelle, wäre ich zur Wahrung  einer gewissen Glaubwürdigkeit entweder sehr zurückhaltend gewesen oder hätte offen erklärt, dass dies exotische Varianten seien, bei denen fraglich ist, ob es überhaupt eine Brücke zur Hahnemannschen Homöopathie gibt. Er tut dies keineswegs. Er lässt sich tief auf die Pflanzenhomöopathie ein.

Ich verhehle nicht, dass für mich persönlich hier die Grenze zur Groteske nahezu überschritten ist. Wie kann man auf die Idee kommen, ein System, das explizit für die Humanmedizin entwickelt wurde, das in besonderem Maße auf die Interaktion zwischen dem als Individuum betrachteten Patienten und der Methode selbst setzt, allen Ernstes auf Pflanzen (gleiches gilt für Tiere) zu übertragen? Nur einmal unterstellt, Hahnemanns System hätte für die Humanmedizin Gültigkeit. Wo sollte der logische Ansatzpunkt dafür liegen, es auf völlig andere Physiologien und Pathologien des Pflanzen- und Tierreichs zu übertragen? Es gibt keinen. Zudem dürfte es schwerfallen, die homöopathische Methodik bei Planzen und Tieren anzuwenden. Ich bin überzeugt davon, dass Hahnemann dies genauso gesehen hat. Er hat selbst nur eine einzige Überlegung in Richtung Tierhomöopathie angestellt, in einem nie öffentlich verwendeten Manuskript, aber er wird klug genug gewesen zu sein, hier einen unheilbaren Bruch in seiner Methode zu erkennen und ist nie darauf zurückgekommen. Liebe Leserinnen und Leser, hier ist ihr kritisch-gesunder Menschenverstand gefragt. Lassen Sie sich nicht von langen Darlegungen von Details blenden, durchdenken Sie die Grundannahmen einfach einmal kritisch – nicht nur an dieser Stelle!

Summa: Pflanzen- und auch Tierhomöopathie (letztere im Interview vermutlich außen vor geblieben, weil sie bereits in hohem Maße „etabliert“ ist) haben eine Anfangsplausibilität, die eigentlich bereits auf dem negativen Teil der Skala verortet werden muss. Und können deshalb eigentlich nur mit einem Kopfschütteln kommentiert werden.

Trotzdem noch etwas im Detail. Wie wir hören, wird Pflanzenhomöopathie zur Vorbeugung gegen Schädlinge ebenso propagiert wie zur Stärkung von Wachstum und Ertrag. Wie das? Setzt die Homöopathie nicht den akut kranken Patienten voraus, dessen „geistige Lebenskraft“ aus dem Gleichgewicht ist und wieder korrigiert werden muss, wie Behnke selbst weiter oben zutreffend ausführte? Wie kann dann Homöopathie als Prophylaxe und/oder als Stärkungsmittel überhaupt auch nur in Erwägung gezogen werden? Gebe ich der gesunden Pflanze ein Homöopathikum, würde ich sie nach der homöopathischen Theorie doch allenfalls schädigen, da ich ja dann eine „Arzneimittelprüfung“ bei ihr durchführe, die zu „Krankheitssymptomen“ führen müsste?  Die Homöopathen belustigen sich über die 10^23-Events der Homöopathiekritiker, die sie als „medizinisch sinnlos“ bezeichnen (ja klar!), da ja der Einsatz der Homöopathie eine Erkrankung voraussetze – und was tun sie hier selbst bzw. stellen dies -wie Behnke- allen Ernstes als seriös hin? Und Homöopathie als direktes Schädlingsbekämpfungsmittel – Arzneimittelprüfung an Pflanzenschädlingen sozusagen?

Die wohl bekannteste Untersuchung auf dem Sektor Pflanzenhomöopathie, die auch als allgemeiner Beweis für die Methode herangezogen werden sollte, sind wohl die Wasserlinsenexperimente einer Schweizer Forschergruppe um Prof. Stephan Baumgartner. Sicher meint Herr Behnke in seiner summarischen Aufzählung auch diese. Nun ist -abgesehen von der Anfangsplausibilität- genau diese Studie ein sehr schönes Beispiel dafür, wie die Homöopathen mit dem Signifikanzbegriff umzugehen pflegen. Hier zeigt sich nämlich, wenn man über über die statistischen Signifikanzziffern hinaus mühsam einmal die absoluten Messwerte herausgesucht hat, dass die Unterschiede in den Messgrößen -nämlich dem Wachstum der Wasserlinsen in den beiden Vergleichsgruppen nach der Intoxination- ziemlich nahe bei dem oben von mir bemühten Glühwürmchenvergleich liegt. Und nicht reproduziert werden konnte. Was bei der medialen Aufarbeitung der Sache leider keine größere Beachtung fand…

Das Wasserlinsenexperiment enthält aber auch noch einen Stolperstein, der nicht so schnell zu bemerken ist und der zweifellos übersehen oder beiseite geschoben wurde, weil der confirmation bias zugeschlagen hat. Es arbeitet nämlich mit einer Vergiftung. Eine Population von Wasserlinsen wurde mit Arsen traktiert. Daraus wurden zwei Gruppen gebildet, die eine homöopathisch „behandelt“, die andere mit Placebo traktiert. Womit erfolgte die homöopathische Behandlung? Mit Arsen! Zwar im Versuch auch mit anderen Mitteln, aber die Forscher machen die Signifikanz am Remedium Arsen fest – in scheinbarer Übereinstimmung mit dem Simile-Prinzip.

So einfach ist das aber nicht, denn das berührt die unter Homöopathen schon immer schwelende Grundsatzfrage, wie das Simile-Prinzip mit Vergiftungen (und vielen anderen Pathologien) in Übereinstimmung gebracht werden kann.  Niemand wird ernsthaft behaupten, dass die zusätzliche Gabe des vergiftenden Stoffes, gleich in welcher Dosierung, zu einer Besserung oder gar Heilung der Vergiftung führen könne. Derartiges wurde niemals beobachtet. Im Gegenteil, wir finden hier wieder Fälle, in denen selbst eine geringe zusätzliche Intoxination die Überschreitung eines Schwellenwertes mit fatalen Folgen bedeuten kann. (Prokop 1957) (4). Die Wirksamkeit der Homöopathie mit einem Pflanzenexperiment beweisen zu wollen, ausgerechnet auf der Basis einer mehr als umstrittenen Anwendung des Simile-Prinzips, ist schon recht tollkühn…

Ich verzichte hier auf weitere Einzelheiten, obwohl es nett wäre, noch auf eine mit Steuermitteln geförderte Arbeit einzugehen, die bei näherem Hinschauen sehr schnell die Pflanzenhomöopathie in esoterische Gefilde übergleiten lässt… Ein andermal vielleicht.

Pflanzen- und auch Tierhomöopathie sind nur eines: Ein (weiterer) Beleg dafür, dass von einer „Wissenschaft des sicheren Ganges“ (Kant) bei der Homöopathie keine Rede sein kann. Es etablieren sich die abstrusesten Ideen von Hahnemann-Exegeten, ohne Rücksicht auf innere Widersprüchlichkeiten und objektive Plausibilitäten. Und das wird dann in einem umfassenden Interview von einem Vertreter der Carstens-Stiftung völlig ernsthaft behandelt…

Was mich aber erstaunt, ist, dass Dr. Behnke von „Homöopathie zum Aufmalen“ nichts bekannt sein soll. Wo einem das bei der Beschäftigung mit dem Thema im Netz doch eigentlich inzwischen entgegenspringt.  Aber ich verstehe schon. Man hat nur die Wahl, diese Zumutung an den gesunden Menschenverstand entweder mit Stillschweigen zu übergehen oder aber durch ein Eingehen darauf Schaden anzurichten. Zu einer klaren Distanzierung reicht es aber auch nicht, dafür ist alles zu heilig, was unter der Flagge „Homöopathie“ daherkommt. Wer etwas über die Malkunst lesen, möchte, gern hier (ganz unten auf der Seite).

 

Gibt es eine Kontroverse zwischen der evidenzbasierten Medizin, die auf wissenschaftlichen Nachweisen beruht, und besonderen Therapieformen wie der Homöopathie?

Klare Antwort von mir: Nein! Dr. Behnke sagt das nicht so deutlich, gibt eigentlich gar keine Antwort auf diese klare Frage, nimmt sie aber zum Anlass, hier nun endlich zur so homöopathiepositiven Studienlage zu schreiten. Hier, liebe Leserinnen und Leser, hoffe ich, dass Sie mit dem obenstehenden Exkurs noch einigermaßen vertraut sind. Wenn nicht – noch einmal lesen ist und bleibt kostenlos.

Nun folgt im Interview eine Interpretation von Studiendaten, die -sagen wir mal- schon recht eigenwillig ist. Dr. Behnke zählt nämlich aus einer (von ihm definierten) Grundmenge an Studien an drei Fingern ab, welche positiv, welche negativ und welche „unentschieden“ ausgegangen seien. Nun ist es bereits eine schwierige Frage bei einer einzelnen Studie, ob man sie als „positiv“ oder „negativ“ bezeichnen kann, das hängt hauptsächlich von der Erwartung ab, die eine solide Studie immer vorab formulieren muss. Häufchenbildung wie beim Murmelspiel verbietet sich aber schon aus ganz anderen Gründen.

Dr. Behnkes Methodik besteht nun darin, die relative Größe der abgezählten Häufchen der Homöopathie-Studiengruppe mit den Verhältnissen bei einer ähnlichen Abzählung bei Studien der evidenzbasierten Medizin zu vergleichen. Reine Spiegelfechterei, absurder geht es nicht mehr. Es fängt damit an, dass große Zweifel daran bestehen, ob die „Zählgruppen“ der homöopathischen und der evidenzbasierten Studien überhaupt homogen genug sind, um aus einem numerischen Vergleich irgendwelche Schlüsse ziehen zu können. Sind sie natürlich nicht, denn

  • homöopathische Studien haben keine Ausgangsplausibilität, so dass an positive Ergebnisse sehr hohe Beleganforderungen zu stellen wären,
  • homöopathische Studien sind reine Bestätigungsforschung, was im Vergleich zu wirklich ergebnisoffener Forschung eigentlich eine viel bessere Positivlage für diese ergeben müsste (die ergebnisoffene Beforschung von Hypothesen hat per se ein viel höheres Risiko des Scheiterns als die Forschung, die auf die Bestätigung vorliegender Hypothesen bzw. -wie hier- einer einzigen Hypothese  ausgerichtet ist) und
  • demgemäß wäre von den Homöopathen viel eher zur Zahl der „negativen“ Ergebnissen ihrer Forschung Stellung zu nehmen, die ja in Anbetracht der geschilderten Bedingungen als außergewöhnlich hoch angesehen werden muss.

Wenn man schon mit der Methode „Wer hat gewonnen“ operiert, dann wäre allenfalls ein Vergleich der erreichten Signifikanzgrade in den Studien ein Maßstab. Allenfalls.

Was ist übrigens eine „unentschiedene“ Studie? In der homöopathischen Forschung nach Behnke müsste „unentschieden“ doch wohl der Kategorie „negativ“ zugerechnet werden, denn bei gleichem Abschneiden von Placebo- und Verumgruppe ist eine auf Bestätigungsforschung ausgerichtete Studie doch wohl gescheitert und nicht unentschieden.

Ich hoffe, der Sinn des einleitenden Exkurses zum Studienproblem ist deutlich geworden. Er versetzt uns nun in die Lage, das Thema „Wirkungsnachweis durch Studien“ ohne allzu große Erschöpfung schon zu verlassen. Eine detaillierte Widerlegung von Dr. Behnkes Berufung auf die angebliche positive Gesamtstudienlage und die „Grundlagenforschung“ (die renommierte Forscher schon ihre Reputation gekostet hat) erspare ich uns an dieser Stelle, hierzu ist an vielen Stellen, auch in diesem Blog, schon sehr viel gesagt worden. Ein ganz aktuelles Beispiel dafür findet sich hier.

Eines dazu abschließend: Wäre das alles so lupenrein und knochenhart, warum verzichtet dann die Homöopathie nicht auf die Freistellung vom Wirkungsnachweis, die sie derzeit genießt? Im eigenen Interesse, denn dann könnte sie wirklich mit „zugelassenen Arzneimitteln“ werben, könnte Verschreibungs- und Apothekenpflicht rechtfertigen. Warum tut sie das nicht? Weil sie trotz aller Erklärungen, Erzählungen und Behauptungen nicht in der Lage ist, die Anforderungen für eine Zulassung nach den für den Gemeinsamen Bundesausschuss maßgeblichen Kriterien zu erfüllen: Die Vorlage von mindestens zwei voneinander unabhängigen placebokontrollierten randomisierten Studien der Phase III mit übereinstimmenden Ergebnissen. So aber bleibt doch alles nur Wortgeklingel ohne praktische Konsequenzen  – statt „Wo ist der Beweis?“ nur „Ihr müsst uns glauben!“

Die maximale Länge eines Einzelbeitrages dürfte schon wieder erreicht sein. Die schlechte Nachricht: Es wird noch ein dritter Teil folgen. Die gute Nachricht: Das ist dann aber der Schluss.

Ich danke allen, die bis hierher schon einmal durchgehalten haben und hoffe, dass ein wenig Erkenntnisgewinn dabei herausgekommen ist – auch, wenn ich hier überhaupt nichts Neues schreibe…

 

(4) Prokop, O. u. Prokop, L.: Homöopathie und Wissenschaft, Stuttgart 1957

 

Bildnachweis: gemeinfrei

 

 

 

 

9 Gedanken zu “Interview mit einem Homöopathen (2)

  1. Pingback: Homöopathie – The Movie: „Stirb langsam“ oder „Gib dem Affen Zucker?“ @ gwup | die skeptiker

  2. Danke für Teil II, der mir den freien (dunkelgrauen, verregneten) Freitag erhellt hat!
    Das ganze Projekt hat ja mittlerweile Orac’sche Ausmaße angenommen – der schreibt ja auch immer munter drauf los, um dann mittendrin festzustellen, dass ein Thema mehr bietet. (Das ist bitte als Kompliment zu verstehen)

    Bin gespannt auf Teil III.

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    • Ich bin auch gespannt auf Teil III… 🙂
      Bei Orac kommt das ja zweifellos aus der Überfülle seines Wissens, dem Strom der Gedanken bei der Verfertigung des Textes. Bei der Besprechung hier liegt es an der Ausführlichkeit der Vorlage – mir wird immer klarer, wie hier die Gelegenheit genutzt wurde, sich richtig auszubreiten. Das kann man eben nur kurz abtun oder vollständig bearbeiten.
      Immer wieder danke für das Interesse! Keine Ahnung von Garnix gibt es ab sofort auch als Facebook-Seite, falls noch nicht entdeckt. Neue Artikel werden automatisch dort verlinkt.

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  3. Wenn Herr Dr. Behnke so positiv zur Pflanzenhomöopathie eingwstellt ist, dann kann der Übergang zu Bachblüten, Schüsslersalzen oder Homöopathie nach Körbler nicht mehr weit sein. Scheut Herr Dr. Behnke diesen Schritt, weil er glaubt, dass das seiner Reputation *hust* schaden könnte?

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    • Carstens-Stiftung und vor allem Zentralverein homöopathischer Ärzte stehen Bach und Schüssler seit jeher ablehnend gegenüber. Bach verstand sich ohnehin als eigenständiger Esoteriker und Schüssler wurde ja sogar aus dem Zentralverein entfernt. Der Grund war, dass er nicht mehr Hahnemanns „geistige Lebenskraft“ zur Grundlage seiner Hypothese machte, sondern schnöde „biochemische Grundlagen“. Falsch lag er allerdings trotzdem.
      Meiner Meinung nach sind die Lobbyisten nicht gut bedient, wenn sie in Äußerungen und Veröffentlichungen allzu weit über die „reine Lehre“ hinausgehen. q.e.d.

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  4. Pingback: Die Offensive der Globulisten und das Facepalmface der Homöopathie-Kritiker @ gwup | die skeptiker

  5. Homöopathen wollen ja oft feststellen, dass ihre praktische Erfahrung (Empirie) sie lehrt, dass Homöopathie funktioniert.
    Ich möchte jetzt die ärztliche Erfahrung nicht kleinreden-sie ist ganz wichtig- man sollte Erfahrung aber auch kritisch betrachten.

    Meine Lebenserfahrung zeigt, dass ich unsterblich bin, ich brauche daher gar keine Homöopathie.

    Ich habe Homöopathie nur einmal in meinem Leben probiert- bei einer 10 hoch 23 Aktion. Irgendeine C200 Verdünnung. 5 Tage später lag ich auf der Intensivstation.Diagnose TIA
    http://flexikon.doccheck.com/de/Transitorische_isch%C3%A4mische_Attacke

    Ich habs pflichtgemäß der Behörde gemeldet 🙂

    Also erfahrungsgemäß muss ich feststellen, dass HP meine Unsterblichkeit drastisch ramponieren kann. Nie wieder.

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